Die Auflösung der Emea-Organisation bei SAS Institute reißt Wunden

Mittwoch, 20.12.2006 | 12:12 von Christian Löbering
Die Schließung der in Heidelberg angesiedelten Emea-Organisation (Europa, Mittlerer Osten, Afrika) des Business-Intelligence-Spezialisten geht nicht so reibungslos, wie vom Management vorhergesagt.
Anders als zunächst kommuniziert, sind nicht 240, sondern insgesamt 266 Mitarbeiter betroffen. Die Zukunft vieler bleibt auch fünf Wochen nach der Ankündigung ungewiss. Zwar ist klar, dass es sich juristisch um eine Betriebsschließung handelt und damit zunächst jeder von der Massenentlassung betroffen ist, doch sind bisher keine Kündigungen verschickt worden. Andererseits hält sich SAS zumindest für einen Teil der Betroffenen mit neuen Stellenangeboten zurück. Dabei hatte das Management von Anfang an versprochen, man werde sich um alle Mitarbeiter kümmern und ein Job-Programm aufsetzen. Tatsächlich haben aber bisher nur rund 150 ein internes Jobangebot erhalten und diesem mehrheitlich mündlich zugestimmt, erklärte Mikael Hagström, Executive Vice President of SAS Inc., gegenüber der Computerwoche.

SAS-Manager Hagström: 150 Mitarbeiter haben ein Jobangebot
erhalten
Vergrößern SAS-Manager Hagström: 150 Mitarbeiter haben ein Jobangebot erhalten
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Zwar gibt es laut Hagström neben den genannten Angeboten weitere 135 offene Stellen bei den SAS-Ländergesellschaften in Europa, zu denen noch einmal etwa 75 in den USA hinzukämen. Doch würden diese Angebote vom Jobprofil nicht unbedingt zu allen Betroffenen passen, oder die Mitarbeiter würden aus privaten Gründen wohl nicht auf die vorwiegend im Ausland befindlichen Stellen zugreifen. Zahlen wollte der Manager nicht nennen, da die Entlassungen formell noch nicht ausgesprochen wurden. Deutlicher wurde hingegen kürzlich Jim Davis, Chief Marketing Officer von SAS, gegenüber dem Brancheninformationsdienst "Computerwire": " Wir hätten schon viel erreicht, wenn die Hälfte bleibt". Für viele Emea-Mitarbeiter dürfte daher der Umbau das Aus bedeuten.

Aus dem Kreis der Betroffenen kommt zugleich der Vorwurf, SAS mache entgegen den Verlautbarungen weder genügend Angebote noch gebe es einen Sozialplan oder Abfindungen. Allerdings kommen diese Forderungen aus rechtlicher Sicht zu spät, da sich die Mitarbeiter bei SAS Emea stets gegen einen Betriebsrat ausgesprochen hatten: "Viele Leute hierzulande wissen nicht, dass es ohne einen Betriebsrat auch keinen Anspruch auf einen Sozialplan und Abfindungen gibt. Es bleibt den Betroffenen zwar eine Klage vor dem Arbeitsgericht, die sie aber in diesem Fall wohl verlieren werden, weil die SAS-Emea-Organisation komplett aufgelöst wird", kommentiert Bernd Knauber, Gewerkschaftssekretär der IG Metall in Heidelberg.

Laut einem Bericht der Gewerkschaft hatte man in der Emea-Organisation auch aus Angst vor einer Verlagerung der Abteilung ins Ausland davor zurückgeschreckt, eine Mitarbeitervertretung zu bestellen. Kämpferischer war es hingegen in der ebenfalls in Heidelberg ansässigen Deutschland-Organisation zugegangen. Insider zufolge hatten dort schlechte Geschäftszahlen in früheren Jahren zu Einschnitten geführt, woraufhin sich die Arbeitnehmer organisierten. Auf der Wahlversammlung zur Bildung des Wahlvorstands sprach sich dennoch eine knappe Mehrheit zunächst für eine informelle Mitarbeitervertretung und gegen einen Betriebsrat aus. Dieser wurde dann nach einer Klage vor dem Arbeitsgericht und mit Unterstützung der Gewerkschaft vor zwei Jahren eingerichtet.

Da SAS Deutschland und SAS Emea zwar eine GmbH bilden, aber als zwei eigenständige Betriebe geführt werden, gab es Versuche, die Mitarbeiter der Emea-Organisation ebenfalls zur Bildung eines Betriebsrats zu ermutigen. Dies schlug fehl, nicht zuletzt da die Unternehmensleitung E-Mails an die Emea-Mitarbeiter verschickte, um das Vorhaben zu verhindern. Dabei wurde in diesen Mails die Unternehmenskultur und das gute Arbeitsklima beschworen, die sich nicht mit einem Betriebsrat vertrügen. "Die Firmenkultur, mit der SAS wirbt und die ihr mehrmals Plätze in den Top 10 der beliebtesten Arbeitgeber eingebracht hat, wird jetzt mit Füßen getreten", klagt ein Betroffener gegenüber der Computerwoche.

Doch SAS-Manager Hagström widerspricht energisch. Man habe vor gut fünf Wochen die Mitarbeiter informiert und seitdem über 2000 Gespräche mit ihnen geführt. Leider habe es manchmal einige Tage gedauert, bis Anfragen beantworte werden konnten, was wiederum zu Unmut bei den Betroffenen geführt haben könnte. Es gebe zwar keinen Sozialplan, aber SAS wolle Kündigungsfristen verlängern und Mitarbeitern einen freiwilligen Bonus zum Ende des Arbeitsverhältnisses auszahlen. Dies dürfte zumindest für jene Betroffenen ein kleiner Trost sein, die erst Anfang des Jahres für die Emea-Organisation nach Heidelberg umgezogen waren und nur kurze Kündigungsfristen haben. Ferner arbeite man mit externen Beschäftigungsgesellschaften zusammen und helfe bei der Organisation von Bewerbungsunterlagen, sagte Hagström. Auch widersprach der Manager der Behauptung, es gebe keine Stellenangebote bei der deutschen Organisation. Diese Posten seien aber in erster Linie für Mitarbeiter sinnvoll, die fließend Deutsch sprächen, was nur für einen Teil der Emea-Organisation zutreffe.

Die Neuorganisation soll bis Mitte 2007 geschafft sein, der Emea-Betrieb in Heidelberg zu Jahresanfang eingestellt werden. Großkunden werden künftig immer durch lokale Büros von SAS betreut, von denen es laut Marketing-Manager Jim Davis immer noch weltweit 400 gibt. Diese stünden im direkten Kontakt mit der weltweiten Support- und Service-Organisation. Der bisherige interne Abstimmungs- und Koordinationsaufwand zwischen der Emea-Zentrale und dem Hauptquartier in Cary, North Carolina, würde künftig entfallen. Weitere Umbauten sind laut Hagström nicht geplant. "Wir wollen in den kommenden Monaten mehr in vertikale Hubs und Global Practices sowie unseren indirekten Vertrieb investieren." (as)

Mittwoch, 20.12.2006 | 12:12 von Christian Löbering
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