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Deutschland schon Fußball-Weltmeister - zumindest virtuell

Wenn Familie Schellhase in Gelsenkirchen zu Mittag isst, sitzen die amtierenden deutschen Fußball-Weltmeister mit am Tisch und löffeln ihre Suppe. Ganz ohne Star-Allüren. Dabei hätten die Zwillinge Daniel und Dennis zu Höhenflügen allen Grund: Deutscher Meister, Europameister und Weltmeister - es gibt kaum einen Titel, den nicht zumindest einer der beiden geholt hätte. Als "hero" und "styla" - so lauten die Internet-Pseudonyme der Jungs - zockten sich die 22-Jährigen in den vergangenen Jahren an die Weltspitze des Computer-Fußballs. Bei der WM im südkoreanischen Seoul 2003 schließlich räumten sie zum ersten Mal ab: Dennis wurde Erster, Daniel Zweiter.

Der Titel sollte das Leben der beiden nachhaltig verändern. Nach der Siegerehrung kam die Medien-Maschine ins Rollen. Koreanische Mädchen begrüßten die neuen Weltmeister mit Kreisch-Konzerten, und Firmen winkten mit hoch dotierten Sponsorings und Werbeverträgen. "Dabei fühle ich mich gar nicht wie ein Star", sagt Daniel schüchtern und starrt dabei gebannt auf seinen Bildschirm. Mit flinkem Daumen weist er dem Mini-Ronaldo den Weg zur Mittellinie, holt den Torwart aus seinem Tor und bringt die Abwehr in Position. "Im Unterschied zu echtem Fußball ist das hier wie Rasenschach", erklärt sein Bruder. Beim "FIFA-Football" zieht der Spieler per Controller die Strippen für die ganze Mannschaft. "Ich arbeite sozusagen als Koordinator", sagt Dennis.

Eine Fähigkeit, die die Jungs inzwischen auch für ihr eigenes Leben brauchen. "2004 waren wir mehr mit Werbung beschäftigt, als alles andere", erzählt Dennis. Daniel gewann zwar noch die Deutsche Meisterschaft. Zur WM 2004 jedoch konnte sich vor lauter Aufträgen keiner von beiden mehr qualifizieren.

Fast nebenbei war das Spiel für das Gelsenkirchener Dream-Team zur Arbeit und zur lukrativen Geldquelle geworden. Inzwischen, so schätzen die beiden, haben sie mehr als 100.000 Euro an Preisgeldern und mit Werbung verdient. Ähnlich wie "echte" Profi-Fußballer erhalten sie ein monatliches Gehalt. "Wie hoch das ist, darüber dürfen wir nicht sprechen", sagt Dennis. "Es ist weniger, als das deutsche Durchschnittsgehalt, aber mehr, als man mit einem Nebenjob verdient." Und es reiche locker, um ihr Studium der Wirtschaftsinformatik und die gemeinsame Wohnung zu finanzieren.

Nach einem Jahr spielerischer Tauchstation erklomm Dennis alias "styla" 2005 erneut den virtuellen Kicker-Olymp. Bei den World Cyber Games in Singapur triumphierte die von ihm auf den Bildschirmrasen geschickte spanische Nationalmannschaft gegen Zidane und Co unter dem Russen "x4Alexx". Seit diesem Sieg gilt "styla" sogar offiziell als "Legende der World Games".

Für das Spiel habe er inzwischen fast die Begeisterung verloren. Dennoch: Die Karriere als Profi-Kicker wollen die Zwillinge frühestens nach dem Studium an den Nagel hängen. Die Verträge laufen und 2006 wollen die beiden es noch einmal wissen. Im März stehen die Europameisterschaften auf der Cebit in Hannover an, im Herbst dann die Weltmeisterschaften im italienischen Monza.

Um Tickets für die "echte" Fußball-WM haben sich die Cyber- Ronaldos derweil noch nicht gekümmert. Sie spekulieren darauf, dass diese zu ihnen kommen - so nebenbei, vielleicht als Gewinnprämie bei irgendeinem Turnier. Und weil sie sich mit den Stärken und Schwächen aller Nationalspieler tagtäglich herumschlagen, haben sie auch für deren realen Einsatz auf dem WM-Rasen im Sommer einen Tipp. "Bei Deutschland stehen die Chancen gut, dass sie sehr weit kommen, aber Weltmeister ist nicht drin", glaubt Daniel. Und Dennis bekräftigt: "Unrealistisch."

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