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Deutsche Konzerne streichen 120.000 IT-Jobs

29.03.2007 | 08:00 Uhr |

Die größten 500 deutschen Unternehmen bauen in den kommenden vier Jahren jeden zweiten internen IT-Arbeitsplatz ab.

Die befragten Unternehmen rechnen damit, dass im Schnitt 30 Prozent der internen Stellen durch Offshoring abgebaut werden, im für die Arbeitnehmer ungünstigen Fall kann sich diese Quote sogar auf 40 Prozent erhöhen. Weitere 15 Prozent der Arbeitsplätze fallen Effizienzgewinnen zum Opfer.
Vergrößern Die befragten Unternehmen rechnen damit, dass im Schnitt 30 Prozent der internen Stellen durch Offshoring abgebaut werden, im für die Arbeitnehmer ungünstigen Fall kann sich diese Quote sogar auf 40 Prozent erhöhen. Weitere 15 Prozent der Arbeitsplätze fallen Effizienzgewinnen zum Opfer.
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Die Unternehmensberatung A.T.Kearney kommt nach einer detaillierten Untersuchung der IT-Organisationen deutscher Konzerne zu alarmierenden Ergebnissen: Bis zum Jahr 2011 wird die Zahl der IT-Beschäftigten, die Betriebs-, Wartungs- und Entwicklungsdienste in den 500 größten Konzernen leisten, von 180.000 auf 35.000 schrumpfen. Outsourcing, Offshoring und effizientere Abläufe sorgen für eine umfangreiche Neugestaltung der internen IT-Arbeit. "Jeder zweite IT-Arbeitsplatz bei diesen Anwendern steht zur Disposition", warnt Marcus Eul, Principal bei A.T.Kearney. Die Management-Berater rücken damit von anderen Erhebungen – etwa von Deutsche Bank Research – ab, die besagen Offshoring koste keine Arbeitsplätze (siehe auch Studie: " Offshoring ist kein Job-Killer ").

"Die Konzerne erachten IT als bedeutende Wachstumsbremse. Große Teile des IT-Budgets werden für Aufgaben verwenden, die weder Werte noch Wachstum schaffen", nennt Holger Röder, Partner und Vice President bei A.T.Kearney, die Ursachen für den tiefen Strukturwandel in den IT-Abteilungen. Die Unternehmenslenker seien nicht mehr bereit, ihre Ausgaben in veraltete Legacy-Landschaften zu stecken, deren Bezug zu den Unternehmenszielen nicht ersichtlich sei. Als Konsequenz daraus lagern sie die betroffenen Aufgaben an externe Service-Provider aus und sparen dadurch insgesamt rund zehn Milliarden Euro pro Jahr ein.

"Die Unternehmen betreiben heute Outsourcing-Deals deutlich passgenauer als noch vor einigen Jahren", ergänzt Eul. "Sie analysieren die IT sehr präzise, ziehen exakte Schnitte und lagern ganz gezielt aus." Im Zuge des Outsourcings wechseln bis zum Jahr 2011 nach Einschätzung der Management-Berater 30 Prozent der heutigen IT-Mitarbeiter unter das Dach eines lokal ansässigen IT-Dienstleisters. Weitere zehn Prozent werden in den internen IT-Abteilungen mit dem Partner-Management betraut. Nur 20 Prozent der IT-Jobs wollen die Unternehmen in der jetzigen Form erhalten.

Der Großteil der Arbeitsplätze wird durch die Neugestaltung der internen IT komplett abgebaut. Im Schnitt erwarten die befragten Manager, dass 15 Prozent der heutigen IT-Jobs in ihren Unternehmen durch die verbesserte Effizienz überflüssig werden. Noch deutlicher wird der Trend zum Offshoring seine Spuren im IT-Arbeitsmarkt hinterlassen. Im für die Arbeitnehmer günstigsten Fallen sollen hierzulande 20 Prozent, im ungünstigsten Fall 40 Prozent der Aufgaben durch eine Verlagerung in Niedriglohnländer wegfallen. Unterm Strich werden Anwenderunternehmen in den kommenden vier Jahren rund 145.000 IT-Jobs im Support und Betrieb streichen.

"Die Unternehmen reden nicht mehr über Jobs im User Helpdesk, im Rechenzentrum oder in der Anwendungsentwicklung und –wartung. Sie suchen Experten für das Demand- und Supply-Management, das IT-Controlling und die IT-Strategie", beschreibt Röder das veränderte Anforderungsprofil an IT-Experten. Aufgabe der IT-Abteilung wird es, die Anforderungen zu formulieren, Partner zu steuern und die IT-Strategie zu formulieren und zu kontrollieren. Dabei sind vornehmlich Mitarbeiter mit Prozess- und Branchenwissen gefragt, die die Geschäftsziele und IT miteinander verknüpfen können.

Zurzeit entsprechen laut A.T.Kearney etwa 10.000 IT-Mitarbeiter diesen Anforderungen und arbeiten bereits im IT-Partner-Management. Bis zum Jahr 2011 soll sich ihre Zahl auf 35.000 erhöhen, sofern die Konzerne geeignetes Personal finden. Lediglich 3000 Absolventen mit einer passenden Ausbildung – etwa Wirtschafts-, Bio- und Telematik-Informatiker – kommen Jahr für Jahr von den Hochschulen, das sind zu wenige. Laut A.T.Kearney-Erhebung können in vier Jahren etwa 6000 offene Stellen nicht besetzt werden.

Von den neuen Mitarbeitern versprechen sich die Unternehmen einen Wachstumsschub durch IT-Projekte, die etwa die Kundenbindung verbessern und die Grundlage für neue Produkte bilden. Hier gibt es derzeit erhebliche Defizite. In allen Branchen klaffen zwischen den Anforderungen der Fachbereiche und dem durchschnittlichen Qualitätsniveau der internen IT-Abteilungen große Lücken. Bei eine optimalen Gestaltung und Unterstützung des Kerngeschäfts durch IT könnten die Unternehmen nach eigener Einschätzung 40 Milliarden Euro pro Jahr mehr einnehmen und 70.000 neue Stellen – darunter auch IT-Jobs - schaffen.

Die Entwicklung wirkt sich auch auf das Angebotsportfolio der IT-Dienstleister aus. Anbieter ohne Niederlassungen in Niedriglohnländern sind künftig nicht mehr wettbewerbsfähig. Sämtliche Dienstleister müssen den Spagat zwischen lokaler Präsenz und Betreuung sowie günstigen Preisen und Near- beziehungsweise Offshore-Kapazitäten beherrschen. Allenfalls Nischenanbieter mit Spezial-Know-how können sich dieser Anforderung entziehen.

Vor diesem Hintergrund ist auch der vom Bitkom beschriebene Fachkräftemangel in der IT-Branche zu betrachten. Auch die Anbieter suchen vornehmlich IT- und Prozessberater sowie Softwareentwickler mit Branchen-Know-how. Sie müssen Anforderungen aus den Unternehmen verstehen, bündeln und formalisieren, so dass in entfernten Niederlassungen programmiert und umgesetzt werden kann (siehe auch CW-Blog ). (jha)

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