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Der Ebook-Reader Tolino Shine im Test

20.03.2013 | 11:31 Uhr |

Der Kindle von Amazon ist bei den Ebook-Readern das Maß aller Dinge, doch jetzt bringt eine Allianz großer Buchhändler und der Deutschen Telekom eine hochwertige Alternative zum Kindle: der Tolino Shine im PC-WELT-Test.

Wenn die Deutsche Telekom zusammen mit den wichtigen Buchhändlern Thalia, Hugendubel/Weltbild und Bertelsmann einen neuen Ebook-Reader an den Start bringt, horcht die Fachwelt auf: Das kann etwas Großes werden. Tatsächlich wartet das neue,

Tolino Shine genannte Lesegerät mit ähnlichen Daten auf wie der aktuelle Kindle Paperwhite, den wir bereits ausführlich getestet haben: Beleuchteter Sechs-Zoll-Bildschirm auf Basis elektronischer Tinte, Touch-Bedienung, die gleiche Auflösung von 1024 x 758 Pixeln, ein integrierter Buchshop zum Kaufen der Ebooks ohne PC und WLAN zur bequemen Synchronisation. Für den Tolino Shine sprechen zudem das mit 186 Gramm gegenüber dem Kindle Paperwhite fast 30 Gramm geringere Gewicht sowie der mit 99 Euro 30 Euro günstigere Anschaffungspreis.

Unser Test soll zeigen, ob das Gemeinschaftswerk dieser Erwartung gerecht wird, ob der neue Reader also tatsächlich dem Amazon-Lesegerät, dem Kobo Glo oder dem Bookeen HD Frontlight aus Frankreich ernsthaft Konkurrenz machen kann. Das Bookeen-Modell hat die am Tolino-Projekt beteiligte Buchkette Thalia nämlich weiterhin für 129 Euro im Sortiment .

Ebook-Reader Tolino Shine im Test-Video

Tolino Shine: kaum Zubehör, wenig Funktionen

Die Ausstattung ist mit einer gedruckten Kurzanleitung und einem USB-Ladekabel ohne Ladegerät spartanisch, aber durchaus branchenüblich. Wünschenswert wäre eine Schutzhülle oder -tasche. Auch bei den Funktionen geizt der Hersteller des Tolino: Tippen und Wishen auf dem berührungsempfindlichen Bildschirm mit Infrarottechnik ja, Multigesten-Bedienung dagegen nicht. Vom Smartphone gewohnte Aktionen wie das Aufziehen einer Seite sind also nicht möglich.

Beleuchtete Displays sind der aktuelle Trend bei den Ebook-Readern. Dem folgt auch der neue Tolino Shine.
Vergrößern Beleuchtete Displays sind der aktuelle Trend bei den Ebook-Readern. Dem folgt auch der neue Tolino Shine.
© Tolino

Die Beschränkung auf das Wesentliche zeigt sich auch bei der übrigen Bedienung: Das Setzen von Lesezeichen, das Anpassen von Schriftart und -größe, die Suche nach Textpassagen oder das gezielte Aufrufen von Kapiteln oder Seiten bietet auch der Tolino Shine. Komfortfunktionen wie eigene Anmerkungen und Markierungen oder das Sortieren der Gerätebibliothek bietet er dagegen nicht – das ist bei der Konkurrenz Standard. Für das gelegentliche und ausschließliche Lesen von Belletristik ist das ausreichend. Doch wer viel liest, möchte sich nicht mühsam durch sein großes Bücherregal zur gewünschten Lektüre hangeln. Schließlich passen alleine auf den internen Speicher von zwei GByte schon rund 2.000 Ebooks, über eine Micro-SD-Karte steigt die Kapazität nochmals um ein Vielfaches.

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In der Praxis dagegen kaum einen Nachteil bedeutet die Einschränkung auf die drei Formate ePub, PDF und TXT. Zwar können die meisten anderen Lesegeräte mehr Formate darstellen, de facto aber gibt es Inhalte sowieso nur in diesen drei Varianten.

Einfache Bedienung, gutes Display, aber schwache Performance

Deutlich stärker fällt die insgesamt geringe Performance des Tolino Shine ins Gewicht: Immer wieder zeigt der Bildschirm eine „Bitte warten“-Meldung, häufig gleich für mehrere Sekunden – egal ob beim Öffnen einen Ebooks oder beim Stöbern im Shop. Da darf man als Kunde eines fast 100 Euro teuren Gerätes ein schnelleres Ansprechen erwarten.

Störend sind zudem die Artefakte beim Seitenaufbau in PDF-Dokumenten. Warum sich hier in unregelmäßigen Abständen „Klötzchen“ zeigen, bleibt unklar. Nicht am Rande erwähnt sei ein einmaliger Absturz: „Systemmeldung! Es ist ein technischer Fehler aufgetreten. Wir bitten dies zu entschuldigen. Tritt dieser Fehler dauerhaft auf, wenden Sie sich bitte an ebook@derclub.de“.

Sympatisch: In der Voreinstellung legt sich der Tolino Shine nach fünf Minuten „schlafen“ – vorausgesetzt man drückt keine Taste auf dem Ebook-Reader.
Vergrößern Sympatisch: In der Voreinstellung legt sich der Tolino Shine nach fünf Minuten „schlafen“ – vorausgesetzt man drückt keine Taste auf dem Ebook-Reader.

Dauerhaft trat dieser Fehler glücklicherweise nicht auf und so sollen nun die positiven Seiten des Tolino Shine gewürdigt werden: Da ist zum einen die Bedienung, die nicht zuletzt wegen der überschaubaren Funktionsvielfalt extrem einfach ist. Das 80seitige Handbuch, das als PDF auf dem Lesegerät gespeichert ist, braucht man kaum. Nur wer noch nie einen Ebook-Reader in der Hand hatte oder mit grundlegenden Begriffen wie WLAN, USB-Kabel oder ähnlichem wenig vertraut ist, braucht einen Blick hineinzuwerfen. Alle andere haben die Anfangseinstellungen und grundlegenden Bedienschritte wie das Aufrufen des integrierten Shops, der Bibliothek oder des Menüs sowie das Vor- und Zurückblättern schnell drin.

Apropos Shop: Der Buchkauf im auf dem Lesegerät integrierten Online-Shop – bei unserem Testexemplar der vom Bertelsmann Buchclub – funktioniert ähnlich einfach wie bei Amazon. Störend ist nur das häufige, schon genannte „Bitte warten“. Jedenfalls muss man sich um das digitale Rechte-Management und das etwas umständliche Verwaltungsprogramm Adobe Digital Editions , mit dem man gekaufte, DRM-geschützte Ebooks über den Umweg des PCs für den eigenen Reader freischalten kann, nicht kümmern.

Die Anbieterallianz verspricht, in ihren Buchshops mehr als 300.000 digitale Werke anzubieten, sodass der Besuch anderer Online-Shops für Ebooks ohnehin nur selten notwendig sein dürfte – möglich ist das aufgrund des offenen ePub-Formats mit Ausnahme des Kindle-Shops aber schon.

Das komplizierte Rechte-Management bei den Ebooks über die Software Adobe Digital Editions entfällt, weil der Tolino Shine einen Buch-Shop im Gerät integriert hat. Kaufen, laden, lesen – es ist so einfach wie bei Amazon.
Vergrößern Das komplizierte Rechte-Management bei den Ebooks über die Software Adobe Digital Editions entfällt, weil der Tolino Shine einen Buch-Shop im Gerät integriert hat. Kaufen, laden, lesen – es ist so einfach wie bei Amazon.

Gutes Display, extrem lange Akkulaufzeit

Die Qualität jedes Ebook-Readers steht und fällt mit dem Display. Die im Tolino verbaute Anzeige auf Basis elektronischer Tinte (E-Ink) kann insgesamt überzeugen: Das Schriftbild ist ähnlich kontrastreich und scharf wie beim Kindle, die matte Oberfläche spiegelt kaum und auch im direkten Sonnenlicht bleibt der Text hervorragend lesbar.

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Drei Kritikpunkte gibt es dennoch. Zum einen zeigt der Bildschirm einen leichten Ghosting-Effekt. Das bedeutet, dass nach dem Umblättern oder dem Wechsel der Anzeige im Hintergrund ein „Rest“ der Vorseite sichtbar bleibt. Der Effekt ist gering und stört nicht wirklich, er lässt sich aber nicht durch eine Geräteeinstellung wie „Anzeige nach jeder Seite aktualisieren“ völlig eliminieren. Zweitens ist die Anzeige bei extrem kleiner Schriftgröße, so insbesondere bei der Darstellung von Webseiten über den integrierten Browser, flau und ungleichmäßig.

Und drittens zeigt sich die Hintergrundbeleuchtung des Displays insbesondere am oberen und unteren Rand ziemlich ungleichmäßig – und zwar deutlich stärker als beim Kindle Paperwhite, bei dem Amazon deshalb anfangs zum Teil heftige Kritik einstecken musste. In der Praxis stört – wenn überhaupt – vor allem bei völliger Dunkelheit. Im Übrigen lässt sich die Helligkeit stufenlos nach eigenem Belieben einstellen.

Unter Normalbedingungen ist das Display des Tolino Shine gut. Es gibt aber kleinere Mängel, unter anderem die ungleichmäßige Beleuchtung.
Vergrößern Unter Normalbedingungen ist das Display des Tolino Shine gut. Es gibt aber kleinere Mängel, unter anderem die ungleichmäßige Beleuchtung.
© Tolino

Ohne Beleuchtung verspricht der Hersteller „bis zu sieben Wochen“ Akkulaufzeit. Das haben wir nicht gemessen, denn beim Stromverbrauch kommt es vor allem auf die Zahl der Seitenwechsel an, nicht auf die Betriebsdauer an sich. Gemessen aber haben wir die Akkulaufzeit bei maximaler Displaybeleuchtung. Während die Leucht-Reader Kindle Paperwhite und Bookeen HD Frontlight nur auf jeweils gut sechzehn Stunden kamen, hielt der Tolino im Test sagenhafte 55 Stunden durch – das reicht für fast zweieinhalb Tage Nonstop-Lesen bei Dunkelheit.

Zwei Besonderheiten bleiben beim Tolino erwähnenswert: Zum einen erwirbt man mit dem Gerät 25 GByte Speicherplatz in der Telekom-Cloud. Das entspricht bei der durchschnittlichen Größe eines Ebooks von einem MByte 25.000 Büchern, auf die man online jederzeit Zugriff hat. Über die Cloud kann man zudem unterwegs über die Lese-Apps auch auf Android- und iOS-Geräten in seinen Büchern lesen.

Da vom Tolino keine Variante mit Mobilfunkmodul existiert, ist – dank der Telekom als Projektpartner – folgende Funktion richtig nützlich: Die Möglichkeit, kostenlos auf die rund 11.000 Telekom-Hotspots zuzugreifen. Die Anmeldung funktioniert tatsächlich vollautomatisch im Hintergrund, so dass man sich dort einfach und schnell mit neuem Lesestoff versorgen kann.

Fazit: Mehr Freiheit als beim Kindle, aber auch mehr Schwächen

Kaufen, laden, lesen – das funktioniert beim Tolino Shine im Prinzip genauso einfach wie bei den Kindle-Geräten. Zudem liegt das Gerät ausgesprochen gut in der Hand, lässt sich einfach bedienen und auch das beleuchtete Display des neuen Readers ist insgesamt gut. An das Gesamtpaket von Amazon mit deutlich mehr Funktionen, der Verleihfunktion für „Prime“-Kunden, fehlerfrei funktionierte Lese-Apps auf alle wichtigen Plattformen und schnellerer Hardware kommt der Tolino allerdings noch nicht heran. Da reichen auch die 30 Euro Ersparnis nicht als durchschlagendes Kaufargument. Andererseits sind Kindle-Besitzer im „goldenen Käfig“ von Amazon gefangen, denn Sie können digitale Inhalte bei genau einem Händler kaufen.

 

 

 

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