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Das große Rennen von Belleville

09.11.2004 | 17:22 Uhr |

Das große Rennen von Belleville ist ein Zeichentrickfilm, der mit witzigen, skurrilen Figuren und liebevollen Details begeistert. Die Story dagegen wird zum Ende hin ziemlich dünn und dem Titel nicht wirklich gerecht.

„Das große Rennen von Belleville“ ist fast ein Zeichentrick-Stummfilm. Dialoge gibt es nur wenige. Sprache ist für das Verständnis der Geschichte auch nicht nötig.

Champion ist ein kleiner Junge, der mit seiner Großmutter Madame Souza in einem idyllischen Häuschen auf dem Land lebt. Omi schenkt dem Enkel einen kleinen Hund. Richtig glücklich wird Champion aber erst, als er von Omi ein Fahrrad bekommt.

Die Jahre vergehen, die Welt verändert sich. Die Stadt rückt dem Häuschen immer näher, verdrängt es fast von seinem Platz. Eine Hochbahn führt direkt am Haus vorbei. Der Hund ist alt und fett geworden und verbellt die Schnellzüge, die am Fenster direkt vor seiner Nase vorbeiflitzen.
Champion träumt von der Teilnahme an der Tour de France. Nachts strampelt er auf seinem Fahrrad durch die Stadt, angetrieben von Omi, die trillerpfeifend hinter ihm auf dem Dreirad das Tempo vorgibt.

Und Champion schafft es. Er ist auf der Tour dabei, macht aber schlapp und wird – kraft- und willenlos – in ein Auto verladen, in dem schon zwei weitere Rennfahrer völlig erschöpft nach Luft ringen. Die drei werden auf einen Ozeandampfer verfrachtet und übers Meer in die Stadt Belleville gebracht. Omi bemerkt die Entführung. Durch das Training mit Champion selber toppfit, folgt sie den Entführern im Tretboot.

Hinter der Entführung steckt die Mafia. Sie will die drei Fahrer vor Videowänden auf Radmaschinen gegeneinander antreten und vom Publikum Wetten auf die Fahrer abschließen lassen. Der schwächste Fahrer überlebt die Vorstellung nicht.
Champion und der dritte Fahrer werden von Omi befreit, die dabei Unterstützung von den „Les Triplettes de Belleville“ bekommt – ziemlich abgedrehten Drillingsschwestern, die als Music-Hall-Stars schon seit Jahrzehnten auf der Bühne stehen.

Die Figuren in diesem Comicfilm sind witzig und skurril gezeichnet und absolut stimmig.
Da ist Champion, der nicht wirklich in der Welt zuhause ist. Er kann nur in die Pedale treten. So strampelt er sich durchs Leben, ohne davon viel mitzukriegen. Und es ist ihm nicht anzumerken, ob es für ihn einen Unterschied macht, live die Tour zu fahren oder sich wie dressiert auf der fest montierten Rennmaschine abzurackern, während vor ihm ein Film mit Gegend abläuft.

Ganz anders Madame Souza. Die kleine, dunkelhaarige Alte mit Damenbart-Ansatz und Klumpfuß steht voll im Leben, ist patent, clever und energisch. Und sie liebt ihren Enkel.

Gelungen sind auch alle anderen Figuren. Man merkt, dass Regisseur und Zeichner ausführliche Studien am lebenden Objekt betrieben haben. Bei der Tour de France beispielsweise drängen sich völlig aus der Form gequollene Zuschauer entlang der Straßen, während ausgemergelte Fahrer vor ihnen aus dem letzten Loch pfeifen. Auch die Bewohner von Belleville haben ihr Fett abbekommen - Fastfood-Restaurants lassen grüßen.

Der Film beginnt Schwarzweiß mit einem Auftritt der noch jungen Triplettes in einer Revue. Ganz witzig ist hier eine Szene, in der Josephine Baker im Bananenröckchen erscheint, was die – alle zu klein geratenen – Herren aus dem Publikum so weit um den Verstand bringt, dass sie sich auf die Bühne stürzen, um sich dort beim Sturm auf die Bananen im wahrsten Sinne des Wortes zum Affen zu machen.

Nett ist auch, wenn Omi ihren völlig erschöpften Champion nach dem Training wieder päppelt, seine harten Wadenmuskeln mit Staubsaugerschlauch und Handquirl entspannt und ihm anschließend den Rücken mit dem Rasenmäher massiert.

Es gibt etliche Anspielungen in dem Film, die einem beim ersten Anschauen vielleicht gar nicht gleich auffallen. So hat beispielsweise Omis Haus statt eines Wetterhahns einen Radler auf der Dachspitze, der an den radelnden Postboten in „Tatis Schützenfest“ erinnert.

Die Geschichte an sich ist nett und fängt den Zuschauer vor allem mit den Figuren und vielen Details. Im letzten Drittel der Story – es geht um die Befreiung von Champion – ist die Luft ein wenig raus. Die anschließende Verfolgungsjagd ist eher fad.

Die Filmmusik dagegen macht Laune und taugt zum Mitschnippen.

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