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Elektroschocks gegen Internetsucht

14.06.2009 | 14:39 Uhr |

In China lassen Eltern ihre Kinder mit Elektroschocks gegen Internetsucht behandeln. Der Arzt Yang Yonxin therapiert in einer Klinik in der Provinz Shandong Jugendliche, die im Verdacht stehen, Online-süchtig zu sein, mit äußerst fragwürdigen Methoden.

So müssen die Teenager zum Beispiel schriftliche Beichten ablegen und sich vor ihren Eltern niederknien. Die Erziehungsberechtigten werden in die Behandlung miteinbezogen und dürfen während der Zeit in der Klinik über nichts sprechen - außer ihr Bemühen, gegen die Internetsucht des eigenen Kindes anzukämpfen. Das Hospital hat insgesamt 86 Regeln aufgestellt, die befolgt werden müssen. Fehltritte der Patienten - dazu zählt, dass jemand die Badzimmertür verschließt - werden mit Elektroschocks als Strafe "behandelt".

Bekannt wurden die Methoden, nachdem rund 3.000 Jugendliche, die bereits in der Klinik waren, im Web über Erfahrungen berichtet hatten. "Ich glaube, dass solche Methoden nicht verdient haben, in irgendeiner Forum kommentiert zu werden. China ist für die Verletzung der Menschenrechte und -würde nicht unbekannt, mich persönlich erinnern solche Maßnahmen an eine furchtbare Zeit, die wir in Deutschland zum Glück hinter uns haben", verurteilt Gabriele Farke, Vorsitzende des Selbsthilfe-Portals Onlinesucht.de ( HSO ), das Vorgehen im pressetext-Interview. So etwas sei hierzulande vollkommen ausgeschlossen und unter keinen Umständen vorstellbar.

In China allerdings, wo laut einer zwei Jahre alten offiziellen Studie etwa zehn Prozent der jungen Bevölkerung Online-Süchtig sind, schicken verzweifelte Eltern in Scharen ihren Nachwuchs zu Yang in die Klinik. Dieser spricht in einem Internet-Artikel davon, auf einem "heiligen Kreuzzug" für die Familien zu sein. Ehemalige Patienten beklagen gleichzeitig in Web-Berichten, die teilweise heftigen Elektroschocks seien regelmäßig angeordnet worden. Doch Yang widerspricht und verharmlost die Schocks als "ungefährlich". Diese würden nur dazu dienen, die Jugendlichen zu beruhigen und ihnen bei der "Selbstbefreiung" behilflich sein.

Die Eltern müssen vor Therapiebeginn einen Vertrag unterzeichnen, wo sie den Elektroschocks zustimmen. Außerdem kostet der Aufenthalt in der Klinik monatlich über 600 Euro - mehr als dreimal so viel wie das monatliche Durchschnittseinkommen in China. Viele Eltern haben sich trotz, oder gerade aufgrund der fragwürdigen Behandlung auf Yangs Seite geschlagen und verteidigen den Arzt. Nach und nach wird aber zumindest unter traditionellen Ärzten in China die Kritik an den Methoden immer lauter. Tao Ran, Gründer der ersten chinesischen Klinik gegen Internetsucht, betonte beispielsweise, dass Kinder Liebe, Sorge und Aufmerksamkeit seitens der Eltern, Lehrer und Freunde brauchten. "Es gibt eine Reihe von Maßnahmen, die beim Onlinesucht-Entzug greifen, aber letztlich kommt es immer auf die Veränderung des Verhaltens an und das Erlernen eines bewussten Umgangs mit dem Medium Internet", ergänzt Farke gegenüber pressetext. (pte)

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