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G36-Hersteller gewinnt Prozess gegen Bundeswehr

02.09.2016 | 13:06 Uhr |

Der deutschen Bundeswehr fehlen moderne Lenkraketensysteme an allen Ecken und Enden. Panzer, Kriegsschiffe, Hubschrauber und Kampfflugzeuge müssen mit alten Waffen auskommen. Der Hersteller des viel kritisierten Sturmgewehres G36 muss aber keinen Schadenersatz zahlen.

Heckler&Koch, der Hersteller des Sturmgewehres G36, hat den Prozess gegen die Bundesrepublik Deutschland vor dem Landgericht Koblenz gewonnen. Das Unternehmen muss keinen Schadenersatz an das Beschaffungsamt der Bundeswehr zahlen, weil das Gewehr die vertraglich festgelegten Leistungsmerkmale erfülle. Das Bundeswehr-Beschaffungsamt warf dem Hersteller vor, dass das G36 bei hohen Temperaturen beziehungsweise im heiß geschossenen Zustand nur noch eine geringe Trefferquote aufweisen würde. Bundesverteidigungsministerin von der Leyen kündigte daraufhin die Ausmusterung des G36 an. Eine Ersatzwaffe hat die Bundeswehr aber noch nicht gefunden, die Bundeswehrsoldaten nutzen das G36 also auch weiterhin. Und sollen damit durchaus zufrieden sein.

An den vielen Problemen, denen sich die Bundeswehr gegenüber sieht und die bereits 2015 zu einer strategischen Neuausrichtung führten, ändert das Urteil aber nichts. So gibt es alarmierende Zahlen zu den knappen Munitionsvorräten bei der Bundeswehr. Laut Reuters wäre die „hochpräzise Luft-Boden-Munition“ der Bundeswehr-Kampfflugzeuge bei einem Kampf-Einsatz, wie ihn derzeit die USA und ihre Verbündeten im Irak/Syrien durchführen, „spätestens nach zwei Wochen verschossen“. Noch schlimmer sieht es bei der Annahme eines Kampfes von Nato-Großverbänden aus: Insgesamt würde die Gefechtsmunition der Bundeswehr dafür nach Nato-Standard derzeit wohl nur für zwei Tage reichen. In Zusammenhang mit der Hauptbewaffnung des Eurofighters spricht der Wehrbeauftragte gar von einer „symbolischen Bewaffnung“.

Zusammenfassend kann man die Lage der Bundeswehr bei hochmoderner Munition so beschreiben: Für kleine überschaubare Kampfaktion wie vor einiger Zeit in Afghanistan oder für Aufklärungseinsätze im Nahen Osten reicht die Munition. Doch bei einem längeren Kampfeinsatz mit massiven Einsatz von Großgerät stünde die Bundeswehr ziemlich schnell ohne Munition da.

Die deutsche Bundeswehr unternimmt zudem gerade – flapsig formuliert - ein spannendes Experiment: Panzer und Kriegsschiffe ohne moderne Waffen. Allerdings nicht ganz freiwillig, wie der Wehr-Blog Augengeradeaus schreibt.

Die Korvetten der K130-Klasse sind laut Bundeswehr-Selbstdarstellung „das modernste Kriegsschiff der Welt“. Allerdings steht die wichtigste Waffe dafür nur in stark reduzierter Zahl zur Verfügung. Die Rede ist vom Lenkflugkörper RBS15 Mk3. Von diesem Geschoß gibt es rechnerisch höchstens fünf, vielleicht sechs pro Schiff. Sollte also tatsächlich mal ein Gegner auftauchen, den man mit diesen Lenkraketen bekämpfen muss (weil Bordkanonen und ähnliches nichts ausreichend sind), dann ist sparsames Feuern und Mitrechnen angesagt. Nicht gerade ideal für einen Kampf auf Leben und Tod.

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Da haben es die Kollegen von der (Schützen)-Panzertruppe leichter. Ihnen steht nämlich auf dem neuen Schützenpanzer Puma überhaupt kein Exemplar der modernen Lenkraketen zur Panzerbekämpfung zur Verfügung. Der Puma wird zwar offiziell am 24. Juni feierlich vom Herstellerkonsortium aus Krauss-Maffei Wegmann und Rheinmetall an die Bundeswehr übergeben. Doch feindliche Panzer müssen die auf dem Puma mitfahrenden Grenadiere mit der alten Milan bekämpfen (immerhin scheint sich die Milan derzeit im Kampf gegen die ISIS im Nordirak zu bewähren. Das betagte Waffensystem Milan funktioniert also wenigstens – im Unterschied zu A400M und anderen Neuanschaffungen).

Der Schützenpanzer Puma soll den jahrzehntealten Marder ersetzen. Nur fehlt ihm ein modernes Lenkraketensystem. Aber mit seiner Bordkanone soll er theoretisch wenigsten die Zieloptik feindlicher Panzer außer Gefecht setzen können. Damit diese ihn nicht mehr so leicht erfassen können...
Vergrößern Der Schützenpanzer Puma soll den jahrzehntealten Marder ersetzen. Nur fehlt ihm ein modernes Lenkraketensystem. Aber mit seiner Bordkanone soll er theoretisch wenigsten die Zieloptik feindlicher Panzer außer Gefecht setzen können. Damit diese ihn nicht mehr so leicht erfassen können...
© Krauss-Maffei Wegmann GmbH & Co. KG

Das eigentlich zur Bekämpfung feindlicher Panzer vorgesehene Waffensystem MELLS (Mehrrollenfähiges leichtes Lenkflugkörper-System) soll für den Puma frühestens ab dem ersten Quartal 2018 verfügbar sein.

Beim Unterstützungshubschrauber Tiger sieht es nicht viel besser aus. Für den Hubschrauber ist eigentlich das moderne Lenkflugkörpersystem PARS 3 LR vorgesehen. Doch es soll frühestens „in der zweiten Jahreshälfte 2016“ eingeführt werden. Bis dahin müssten sich die Hubschrauber-Besatzungen mit den alten HOT-Systemen, ungelenkten Raketen und einer Bordkanone verteidigen. Der Eurofighter wiederum kann sein neues Lenkwaffensystem Meteor frühestens ab 2018 nutzen.

Bei allen genannten Waffensystemen hat sich der Einführungstermin erheblich verzögert. Vor diesem Hintergrund erscheint es durchaus sinnvoll, dass sich die Bundesregierung mit Militäreinsätzen der Bundeswehr zurückhält und sich eher auf Ausbildungsmissionen wie im Nordirak beschränkt.

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