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Bundesmarine will sich mit Phantom-4-Drohne schützen - und China schnüffelt mit?

14.09.2016 | 09:21 Uhr |

Die Bundesmarine will die Flugdrohne Phantom 4 kaufen, um damit ihre Boarding-Teams im Mittelmeer zu unterstützen. Doch China hat vielleicht Zugriff auf die Bilder. DJI bestreitet das. Die Bundeswehr erklärt ihre Sicherheitsmaßnahmen.

Die Bundeswehr bekommt zwar voraussichtlich erst 2019 kampffähige Flugdrohnen vom Typ Heron TP, die vermutlich in Israel stationiert werden. Doch bereits erheblich früher dürfte die Bundesmarine (die korrekt "Deutsche Marine" genannt wird) mehr oder weniger handelsübliche Flugdrohnen vom Typ Phantom 4 erhalten. Damit könnten aber ernste Probleme verbunden sein.

Derzeit testet das Bundeswehr-Luftfahrtamt die Phantom 4. Die Phantom 4 von Hersteller DJI ist eine hochpreisige Multicopter-Flugdrohne für ambitionierte Anwender. Sie besitzt einen Anti-Kollisionsschutz und eine gute 4K-Kamera, wie unser Praxistext beweist. Für Privatanwender also sicherlich ein spannendes Gadget.

Die Phantom 4 soll Boarding-Teams der Bundesmarine beim Einsatz im Mittelmeer unterstützen für SALiFRA (Seegestützte Aufklärung aus der Luft im Rahmen ‘friendly approach’). Die Drohne soll dabei helfen, Boarding-Teams aus der Luft zu sichern und Bedrohungen rechtzeitig zu erkennen. Die Drohne soll also zum Beispiel Schiffe mit Flüchtlingen inspizieren, bevor ein Boarding-Team der Bundeswehr an Bord des Flüchtlingsschiffes geht.

Die niederländische Marine nutzt zu diesem Zweck bereits Drohnen vom Typ Yuneec Typhoon.

Die Anschaffung durch die Bundeswehr ist bereits genehmigt, nur das Ergebnis der Prüfung durch das Bundeswehr-Luftfahrtamt steht noch aus. Mit dieser Prüfung soll ermittelt werden, ob die Drohne sicher verwendet werden kann. Nach Abschluss der Prüfung soll nach weiteren zwei bis drei Monaten die Drohne an die Bundesmarine gehen. Die Bundesmarine kann dann selbst entscheiden, wann sie die Drohnen einsetzt, wie der Wehrblog augengeradeaus schreibt.

Wie aufmerksame Leser von augengeradeaus bemängeln, hat die chinesische Regierung offensichtlich Zugriff auf die Aufnahmen der Phantom 4, sofern diese auf den Servern von DJI landen. Das Hochladen der Drohnen-Bilder auf die Server des chinesischen Unternehmens DJI erfolgt immer dann, wenn die Aufnahmen mit dem Smartphone oder Tablet des Benutzers synchronisiert werden, wie die FAZ berichtet. DJI hat das bestätigt.

Konkret bedeutet das, dass die Regierung Chinas die Aufnahmen der Bundeswehr sehen könnte, wenn diese eine berechtigte Anfrage stelle, inklusive der Daten über Flugbewegungen und Aufenthaltsorte. DJI räumte gegenüber Bloomberg ein, dass man in Gesprächen mit der chinesischen Regierung stehe und bereit sei die Daten zu teilen, wenn eine berechtigte Anfrage käme. Im autokratisch regierten China dürfte aber so ziemlich jede Anfrage als berechtigt bewertet werden. Außerdem landen die Aufnahmen der Phantom 4 wohl zusätzlich auch auf Servern in den USA. DJI betonte aber, dass man nur solche Fotos sehen könne, die über die App hochgeladen würden.

Die Übertragung an chinesische Server dürfte sich aber vermutlich unterbinden lassen, zum Beispiel, indem die Drohne keine Verbindung zum Internet bekommt.

US-Armee übt Abwehr von Multicopter-Schwärmen

Stellungnahme der Bundeswehr zur Anschaffung der Phantom 4 (Update vom 14.9.2016)

Die Anschaffung einer handelsüblichen, für die zivile Nutzung durch Privatanwender gedachten Drohne für militärische Zwecke durch die Bundeswehr wirft viele Fragen auf. Nur einige Beispiel:

* Wie soll diese windanfällige Drohne über hoher See kontrollierbar bleiben und nicht ins Meer stürzen.

* Die Drohne ist nicht salzwasserfest, das wissen wir vom Hersteller. Demnach wäre jede Drohne, die ins Mittelmeer stürzt, ein Totalschaden. Wie will die Marine das vermeiden?

* Die Phantom 4 hat nur eine geringe Reichweite mit einer Akku-Ladung. Reichen zirka 15 Minuten Flugzeit wirklich für einen sinnvollen Einsatz auf hoher See?

* Die Drohne überspielt ihre Aufnahmen bei Verwendung der mitgelieferten App auf Server von Dji, die in der Volksrepublik China stehen. Wie sieht es hier mit der Geheimhaltung aus, wenn evtl. chinesische Geheimdienste/Behörden die Bewegungsdaten von Marineeinheiten samt deren Fotos frei Haus geliefert bekommen?

PC-WELT stellte diese Fragen der Bundeswehr. Alexander Schröder. Hauptmann und Presseoffizier beim Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) antworte uns folgendermaßen (Zitat in voller Länge):

„Die Beschaffung auf der Grundlage des handelsüblichen Flugdrohnenmodells DJI Phantom IV zur Deckung eines einsatzbedingten Sofortbedarfes der Deutschen Marine ist genehmigt. Im Vorgriff auf den Einsatz wird das Muster DJI Phantom IV erprobt. Dabei wird die Wehrtechnische Dienststelle für Luftfahrzeuge und Luftfahrtgerät der Bundeswehr (WTD 61) auf Basis eines mit dem Luftfahrtamt der Bundeswehr festzulegenden Musterprüfrahmenprogrammes unter anderem die technische Betriebssicherheit unter Berücksichtigung der Betriebsgrenzen des Systems testen. Mit dem Beschaffungsprojekt soll der Deutschen Marine möglichst rasch ein einfach zu bedienendes, unproblematisch zuzulassendes, möglichst handelsübliches Gerät zu Verfügung gestellt werden.
Durch Wind und Salzwasser sind alle im maritimen Bereich eingesetzten Systeme hohen Belastungen ausgesetzt. Der Schaden durch den Totalverlust einer Flugdrohne soll daher auch möglichst niedrig sein. Das System soll für die Aufklärung im Nahbereich vor einem Boarding eingesetzt werden. Für eine längere Stehzeit über dem Aufklärungsziel können mehrere Drohnen zeitversetzt eingesetzt werden.

Um die Sicherheit der Daten zu gewährleisten hat die Bundeswehr Schutzmaßnahmen ergriffen. Der Schutz der Bilddaten der Fluggeräte wird unter anderem dadurch sichergestellt, dass die Drohnen nach der Erstinbetriebnahme nicht mehr mit dem Internet verbunden werden. Der Schutz vor dem unbefugten Zugreifen auf Bilddaten des Drohnensystems DJI Phantom IV ist gewährleistet.“ (Zitat Ende) .

Stellungnahme von DJI zu den Datenschutzaspekten

DJI ist verständlicherweise über die Datenschutz-Diskussion nicht erfreut und versucht, die gegen DJI vorgebrachten Argumente zu entkräften. Die in den oben verlinkten Artikeln von FAZ und Bloomberg berichtete Bereitschaft dazu, Daten an Regierungsstellen weiterzugeben, bestreitet DJI nicht grundsätzlich. Allerdings weist das Unternehmen darauf hin, dass das nur im Rahmen des gesetzlich Zulässigen erfolgen würde.

Zudem sei der DJI-Sprecher gleich von zwei Medien – FAZ und Bloomberg - falsch verstanden worden, behauptet DJI in seiner heutigen Stellungnahme. Es soll sich um einen "Versprecher eines neu eingestellten DJI Junior-Mitarbeiters während einem spontan arrangierten Interview" handeln, so Annika Karstadt uns gegenüber. Die kritisierten Berichte von FAZ und Bloomberg stammen aus dem April 2016.

In diesem Zusammenhang muss aber betont werden, dass die Server von DJI derzeit in der Volksrepublik China stehen und somit in einem Staat, in dem Geheimdienste und andere staatliche Behörden sicherlich direkter und unproblematischer Zugriff auf Daten haben, als es in westlichen Demokratien der Fall ist. Wer also auf Nummer sicher gehen will, sollte auf die Synchronisation mit der DJI GO App verzichten. In jedem Fall sollte man immer darauf verzichten sensible Daten auf Cloud-Server hochzuladen. Speichern Sie die Daten nur auf Ihren eigene physischen Datenspeichern.

Hier nun die Stellungnahme von Annika Karstadt, European PR Manager DJI GmbH, zu den Berichten von FAZ und Bloomberg:

„DJI legt großen Wert auf die Privatsphäre unserer Kunden. Unsere Datenschutzrichtlinien informieren im Detail, welche, wie und zu welchem Zweck personenbezogene Daten gesammelt werden. Zudem enthalten sie auch Informationen, unter welchen Bedingungen personenbezogene Daten weitergegeben werden können.

In der Vergangenheit gab es Gerüchte in den Medien, dass DJI Kundeninformationen wie Video- und Fotoaufnahmen von Multicoptern mit den Behörden in China austauscht. Diese Behauptung ist falsch und basiert auf einem Versprecher eines neu eingestellten DJI Junior-Mitarbeiters während eines spontan arrangierten Interviews im DJI Headquarter. Leider konnten wir trotz aller Bemühungen die Fakten zu der Falschaussage nicht bereinigen, und es kursieren immer noch falsche Medienberichte.

Wir möchten dringend darauf hinweisen, dass DJI Daten weder mit den chinesischen noch mit anderen Behörden teilt. Unsere Datenschutzrichtlinien sind umfangreich und transparent auf dji.com/de/privacy einzusehen. Auch bei allen neu veröffentlichten Produkten und Dienstleistungen versichern wir, dass die Datenschutzrichtlinien und die damit in Verbindung stehenden Kundenerwartungen erfüllt werden.

Wie es von unseren Kunden erwartet wird, verhält sich DJI stets gesetzeskonform. Sollte eine DJI-Drohne in einen illegalen oder unautorisierten Flug verwickelt sein, dürfen nationale Behörden im Rahmen ihrer Untersuchungen Flugdaten anfragen. Bei gesetzlich zulässigen Anfragen im Zuge einer Untersuchung wird nach individueller Prüfung die Übermittlung von geschützten Kundendaten durch DJI in Betracht gezogen. Diese Vorgehensweise ist weltweit für IT-Unternehmen üblich und kann nationalen Behörden im Ausnahmefall Einblicke in Kundendaten gewähren, um Rechtsdelikte aufzuklären. Flugdaten können nur eingesehen werden, wenn der Kunde sich für die Synchronisation mit der DJI-GO-App entscheidet oder das Fluggerät an DJI zurückgesendet wird. Das Live-Bild, welches während des Fluges für den Piloten sichtbar ist, kann von keiner anderen externen Partei eingesehen werden, außer der Pilot entscheidet sich bewusst dafür.

Wenn Sie Videos oder Fotos mit der Welt teilen möchten, liegt die Entscheidung über Plattform und Publikum in Ihrer Hand. Privates Teilen eines Videos mit Freunden oder weltweites Teilen online - es bleibt stets Ihre eigene Entscheidung. DJI hat keinen Zugriff zu Ihrem Live Feed, zu Bilddateien auf Ihrer Speicherkarte, zu Ihrem Mobiltelefon oder Tablet, welche mit der Fernsteuerung verbunden sind. Daher ist der Austausch dieser Daten unmöglich und selbst mit Gerichtsbeschluss oder anderen rechtsgültigen Forderungen nicht einsehbar.

Alle gegensätzlichen Behauptungen sind falsch.“ Zitat Ende.



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