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Buchbesprechung: Wieso LISPeln Programmierer?

26.04.2006 | 15:38 Uhr |

In verständlicher und angenehm lesbarer Weise beschreibt Herbert Klaeren in "Viren, Würmer und Trojaner. Streifzüge in der Computerwelt", wie Personal Computer und Internet entstanden und was es mit Viren und Hackern auf sich hat. Zwei Kapitel sind der Informatik an Universitäten und Organisationen von Informatikern gewidmet. Und der Autor beantwortet die Frage, was Informatik eigentlich ist. Zu guter Letzt gibt er einen Ausblick auf die Zukunft von Mensch und Computer.

"Viren, Würmer und Trojaner" heißt ein neu erschienenes Buch von Herbert Klaeren, Professor für Programmiersprachen an der Universität Tübingen. Doch der Titel ist irreführend, in dem rund 270 Seiten dicken Schmöker geht es keineswegs hauptsächlich um Malware. Ganz im Gegenteil legte Klaeren eine kleine, gut lesbare Geschichte der Informations-Technologie vor. Mit vielen Anekdoten aus der Anfangszeit der Bits & Bytes.

Ziemlich am Anfang des Buches steht ein provokantes Zitat aus einem englischsprachigen Werk zur Informatik: "Meine Aufgabe ist es, Ihnen folgendes zu verdeutlichen: Passiert ist alles mehr oder weniger zufällig. Die meisten Leute, welche die Sachen ins Rollen brachten, waren Amateure. Und die meisten von ihnen sind es heute immer noch". So peppig wie diese paar Worte ist fast das gesamte Buch verfasst.

Der Autor schreibt mit großer Sachkenntnis. Immer wieder streut der humanistisch gebildete Klaeren eigene Erlebnisse aus der Zeit ein, als Rechner noch ganze Räume ausfüllten, als man Kopien noch mit Hilfe von Kohlepapier anfertigte, Bugs noch richtige Wanzen waren und Programmierer von Berufs wegen LISPelten.

In insgesamt zwölf Kapiteln nimmt der Programmiersprachen-Experte den Leser mit auf seine Streifzüge durch die Computerwelt. Gleich der erste Abschnitt dürfte die Leser mit am meisten interessieren: "Wie entstand die Marktmacht von Microsoft?" (und ganz nebenbei auch die von Intel, weshalb man oft von "Wintel" spricht).

Anhänger des Open-Source-Systems Linux dürften beim Lesem dieser Zeilen vermutlich an den Rand der Verzweiflung geraten, hingen Erfolg und Misserfolg von Bill Gates und seiner Firma "Micro-Soft" (1975 schrieb man diesen Namen noch mit Bindestrich) doch mehrmals am seidenen Faden. Doch Gates und Paul Allen schafften es dank ihrer Kaltblütigkeit und ihres entschlossenen Zugreifens, dem Computerhersteller MITS ihren überhaupt noch nicht einsatzbereiten Basic-Interpreter für MITS' Altair 8800-Rechner unterzujubeln. Damit hatten sie den Fuß im aufkommenden Markt für Heimrechner.

Den absoluten Scoop landete Gates aber, als er IBM dazu brachte, jeden seiner 1981 neu erschienenen IBM-PCs mit Microsoft Basic auszuliefern. Doch Gates legte noch eins drauf, er kaufte einem angeschlagenen IT-Unternehmen dessen QDOS für 50.000 Dollar ab und überzeugte IBM, dieses Betriebssystem auf seinen IBM-PCs aufzuspielen. Als auch andere Unternehmen PCs herausbrachten, die mit der IBM-Maschine vergleichbar waren, war meist Bill Gates' Betriebssystem mit an Bord. 50.000 Dollar kostete also die Herrschaft über die Welt der PCs… Übrigens lernt man in diesem Abschnitt auch den Apple II mit der Tabellenkalkulation Visicalc als Killer der bis dahin üblichen Großrechner kennen.

Im nächsten Kapitel springt Klaeren dann einige Jahrzehnte weiter zurück in die Vergangenheit. Der Leser erfährt, was es mit dem Begriff Xerox auf sich hat, wie Ethernet und Laserdrucker erfunden wurden und woher die Windows-Oberfläche sowie die Maus stammen. Im Kapitel 3 hat Klaeren dann sein Heimspiel, unter dem Titel "Wieso LISPeln Programmierer" stellt er die Anfänge der Programmiersprachen vor. Hier warten Fortran, Algol, Cobol und eben LISP auf den Leser. C, C++ oder Visual Basic suchen Sie hier aber vergebens, diese Sprachen spielten damals noch keine Rolle. Nur Java wird gelegentlich erwähnt. Ganz nebenbei erfährt man, wieso es eigentlich Algorismus und nicht Algorithmus heißen müsste.

Nur eines der zehn Kapitel handelt tatsächlich von Malware. Weitere Themen sind Hacker (und deren Philosophie), die Anfänge des Internets und die Open-Source-Bewegung. Außerdem kann man einen Blick hinter die Kulissen von Stanford werfen. Das Buch schließt mit Überlegungen zum Denkvermögen von Computern und ob uns diese jemals beherrschen werden. Über Letzteres grübelt man ja auch heute schon manchmal nach, wenn der Rechenknecht so gar nicht will wie man selbst.

An einigen Stellen wird der Verfasser etwas mathematisch, insgesamt ist das Buch aber leicht und vor allem spannend zu lesen, es eignet sich somit hervorragend als anregende und informative Bettlektüre für jeden Technik-Interessierten, der einen Blick hinter die Kulissen der IT-Welt werfen möchte. Die zahlreichen Illustrationen und Fotos sind mit dem Text eng verzahnt und ergänzen ihn sinnvoll.

Bei der Durchsicht von "Viren, Würmer und Trojaner" fielen uns keine Fehler auf, nur in einem Fall fehlte ein Akzent über einer altgriechischen Vokabel.

In "Viren, Würmer und Trojaner. Streifzüge in der Computerwelt" müssen Sie 22,80 Euro investieren. Geld das sich lohnt. Das Buch ist bei Klöpfer & Meyer erschienen.

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