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Die Anfänge des Internet

20.01.2009 | 13:32 Uhr |

Es gibt Bücher, die legt man so lange nicht mehr zur Seite, bis man sie komplett gelesen hat. ARPA Kadabra ist genau so ein Buch. Spannend wie ein Krimi, gespickt mit kuriosen Anekdoten aus der Entstehungszeit des Internets zieht es den historisch interessierten Leser und den Internetnutzer gleichermaßen in seinen Bann wie den Technik-Profi, der endlich wissen möchte, wie TCP, Routing und Backbones entstanden sind.

Katie Hafner - Matthew Lyon, ARPA Kadabra oder Die Anfänge des Internet, (englischer Originaltitel: "Where Wizards Stay up Late - The Origins of the Internet"), 3. Auflage Juni 2008, 351 Seiten, Taschenbuch, ISBN 978-3-89864-551-5, 19,95 Euro (D) / 20,6 Euro (A) / 35 sFr , amazon.de .

Obwohl das 350 Seite umfassende Buch Technikgeschichte pur bietet, ist es durchwegs leicht verdauliche Kost und wird auch von Lesern verstanden, die keine Ausbildung zum Netzwerkadministrator besitzen.

Gleich zu Beginn räumt das von dem miteinander verheirateten Autorenpaar Hafner-Lyon geschriebene Buch mit dem Mythos aus dem Kalten Krieg auf, dass das Arpanet entstanden sei, damit die USA auch nach einem Angriff mit Nuklearwaffen noch über ein funktionierendes Kommunikationssystem verfügen würden. Zwar war eine Abteilung des US-Verteidigungsministeriums (nämlich die ARPA Advanced Research Projects Agency. Deren heute noch existierende Nachfolgebehörde heißt Defense Advanced Research Projects Agency DARPA ) der namengebende Auftraggeber für das Arpanet, doch dessen Entwickler wollten vor allem eines: Endlich eine zuverlässige und leistungsfähige Verbindung zwischen den über die USA verstreuten Großrechnern (gigantische raumfüllende Kästen, die mittels Lochkarten mit Befehlen gefüttert wurden) schaffen, damit die Wissenschaftler miteinander ihre Informationen und Forschungsergebnisse austauschen und gegenseitig die gerade brach liegenden Ressourcen ihrer gigantischen Rechenknechte nutzen konnten.

Bob Tayler, der beim Information Processing Techniques Office (IFPO), einer Abteilung der Arpa, verantwortliche Mitarbeiter wollte zudem das nervige Chaos beseitigen, das ihm die drei Rechner aufzwangen, mit denen er sich vom Pentagon aus verbinden konnte. Für jeden dieser Rechner war nämlich ein anderer Loginzugang und eine andere Vorgehensweise nötig - da lag der Gedanke nahe, endlich eine gemeinsame Kommunikationsbasis für alle diese Rechner zu schaffen und sie miteinander zu vernetzen. Ein gemeinsames PC-Esperanto sollte also Ordnung schaffen im Chaos aus unterschiedlichen Programmiersprachen und Betriebssystemen. Jeder Großrechner brabbelte nämlich seinen eigenen Dialekt und nahm andere Rechner überhaupt nicht zur Kenntnis. Somit wartete auf Bob Taylor eine wahre Sisyphus-Arbeit, deren Bewältigung zu einem der Meilensteine der modernen Technikgeschichte wurde.

Zum geistigen Vater der Kommunikation via Rechner wurde ein Mann, der sich bis dato hauptsächlich mit Psychoakustik befasst hatte: Joseph Carl Robnett Licklider. Kaum hatte man Licklider einen Computer vor die Nase gesetzt, mutierte der Psychologie zum Computerfreak und revolutionierte mit seinen Theorien die noch junge Computerwissenschaft. Und trimmte die ebenfalls noch junge Arpa in die richtige Richtung, indem er eben die IPTO gründete, die die Entwicklung des Arpanets dann tatsächlich verwirklichen sollte. Doch das Internet hat noch mehr Väter: Paul Baran und Donald Watts Davis entwickelten unabhängig voneinander theoretische Modelle, in denen sie über die Ausfallsicherheit eines dezentralen Kommunikationsnetzes (hier lässt dann tatsächlich der Kalte Krieg grüßen) und über die Datenübermittlung in Paketen (dieser heute für TCP/IP selbstverständliche Gedanke war damals keineswegs naheliegend) nachdachten.

Eine bis dahin auf Bau-Akustik und Schallschutz spezialisierte Firma namens "Bolt Beranek und Newman" ( BBN , die übrigens auch die Programmiersprache Logo entwickelte) sollte die Entwickelung des Arpanets stemmen. Ihre eilig zusammengetrommelte Tüftlertruppe aus Hardwarespezialisten, Programmierern, Debuggern und den Vorläufern der heutigen Netzwerkspezialisten (die alle zusammen als "IMP-Guys" bezeichnet wurden) entwickelte dann binnen weniger Monate die zu Grunde liegende Theorie, die Software für die Kommunikation zwischen den IMPs (Interface Message Processor – sozusagen die ersten Router der Welt) und den Hostrechnern und die erforderliche Hardware, indem sie Großrechner zu IMPs umbaute. Sie erstellte zudem die technischen Spezifikationen, nach denen die Programmierer der einzelnen Arpanet-Knoten ihre Host-to-Host-Protokolle entwickeln sollten. Außerdem kümmerte sich BBN nach dem Start des Arpanets um dessen Überwachung und um die Fehleranalyse. Der erste dieser IMPs wurde dann im September 1969 an der University of California, Los Angeles (UCLA) in Betrieb genommen.

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