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Linux verstehen und administrieren

01.10.2008 | 10:34 Uhr |

Linux wirklich verstehen heißt: Die Linux-Kommandozeile beherrschen. Dieses Ziel sollten Administratoren und ambitionierte Anwender erreichen, wenn sie Brian Wards Buch "Linux verstehen und administrieren. Was jeder Superuser wissen sollte" durchgearbeitet haben.

Brian Ward: "Linux verstehen und administrieren. Was jeder Superuser wissen sollte", Heidelberg 2006, erschienen im dpunkt-Verlag , ist die deutsche Übersetzung des amerikanischen Originals "How Linux Works". Dirk Wetter passt die Übersetzung zudem für den deutschen Markt an. Auf rund 450 Seiten bekommt man für 36 Euro eine intensive Einführung in alles, was Linux unterhalb von KDE, Gnome und Konsorten ausmacht.

Wenn man Linux Windows-Umsteigern schmackhaft machen will, dann betont man meist, dass man Linux ja auch ganz gut ohne Kommandozeile und ohne kryptisch anmutende Befehle, sondern mit Hilfe bequemer grafischer Tools einrichten und verwalten könnte. Doch die wahre Stärke von Linux - ganz besonders im professionellen Servereinsatz - ist nun einmal die mächtige Shell und deren viele, viele Befehle mit noch viel mehr Optionen. Und genau darum geht es: Um die Beherrschung der Kommandozeile von Linux. Ohne wenn und aber. Die bekannten grafischen Oberflächen, wie man sie aus vielen Einführungsbüchern für Linux kennt, spielen in diesem Buch ebenso wenig eine Rolle wie distributionsspezifische Merkmale. Es handelt sich hier also um kein Opensuse und um kein Ubuntu-Buch, sondern um ein Linux-Buch (wobei gelegentlich auf Distributions-abhängige Unterschiede eingegangen wird, beispielsweise wenn wichtige Systemdateien je nach Distribution an unterschiedlichen Stellen im Verzeichnisbaum liegen).

Die Leser-Zielgruppe sind Roots/Superuser, aber das sind auf dem heimischen Desktop ja alle Anwender. Einsteiger sollen damit ihre ersten Erfahrungen sammeln (für diese gibt es eigens ein Kapitel, das die grundlegenden Befehle erklärt), aber auch Profis werden damit ihre bereits vorhandenen Kenntnisse vertiefen.

Den Anfang machen typische Linux-Befehle, die wohl jeder kennt: ls, cp, cd und Co. Danach geht es weiter mit Umgebungs- und Shellvariablen, Texteditierungen, der Shell-Eingabe und -Ausgabe, der wichtigen Jobkontrolle und den Dateizugriffsrechten. Relativ ausführlich werden Kernel und Gerätedateien sowie die Dateisysteme behandelt. Auch dem Bootvorgang ist ein eigener Abschnitt gewidmet, wobei sowohl der ältere Lilo als auch der heute mehrheitlich übliche Bootloader Grub behandelt werden. Klassische Befehle zur Systemüberwachung wie lsof werden ebenso vorgestellt wie Cronjobs und Befehle zur Kontrolle der Systemleistung.

Ein eigenes umfangreiches Kapitel ist der Netzwerkkonfiguration gewidmet, schließlich hat Linux auf diesem Gebiet ein Heimspiel. Hier vermittelt der Autor zunächst etwas Theorie über das Schichtenmodell bevor er einzelne Funktionen wie DHCP, NAT oder beispielsweise auch Iptables vorstellt. Mit Xintetd macht der Leser ebenso Bekanntschaft wie mit den für die Zugriffskontrolle wichtigen Dateien hosts.deny und hosts.allow. Nach einem relativ knappen Kapitel zur Netzwerksicherheit (wobei man fairerweise sagen muss, dass das Thema Sicherheit immer wieder im Buch auch an anderer Stelle behandelt wird) geht es dann an die Shell-Programmierung, gefolgt von der Softwareentwicklung unter Linux, wobei zwangsläufig Freunde der Programmiersprache C besonders auf ihre Kosten kommen. Das Übersetzen von Software aus dem Quellcode ist für Linux-Einsteiger immer eine große Hürde, folgerichtig wird dieses nicht ganz einfache Thema hier ausführlich behandelt. Weitere größere Themenkomplexe sind der Kernel, das Drucken unter Linux und die Datensicherung.

Danach kommt der besonders für Unternehmen wichtige Themenbereich Samba. Das ist für Windows-Umsteiger sicherlich ganz besonders interessant, wenn man noch alte Windows-Rechner rumstehen hat, die man weiterhin nutzen möchte. Unternehmen wiederum sehen sich oft mit der typischen heterogenen Landschaft aus Desktop-PCs mit Windows und Servern mit Linux konfrontiert - hier ist Samba genau das Mittel der Wahl. Wer mehrere Linux-Maschinen besitzt und diese bequem miteinander Daten austauschen lassen will, zieht besonderen Nutzen aus dem nach Samba folgenden Kapitel zu NFS. In beiden Fällen werden sowohl die Server- als auch die Clientseite beleuchtet. Ein ebenfalls nicht ganz unwichtiges Kapitel beendet das Buch: Hardwarekauf für Linux. Eine knappe Kommandoübersicht und ein Literaturverzeichnis runden das Buch ab.

Der wesentliche Unterschied zwischen Wards Buch und anderen Linux-Büchern ist die konsequente Beschränkung auf die Kommandozeile - sie verliert dadurch ihren Schrecken und schnell dürften eingefleischte Mausschubser merken, wie viel Zeit man sparen kann und welch beeindruckenden Ziele man erreichen kann, wenn man die wichtigsten Linux-Befehle und deren wichtigste Optionen beherrscht.

An dieser Stelle muss man aber etwas Kritik üben: Einige Beispiel und Optionsbeschreibungen fallen zu knapp aus, hier hätte man sich gelegentlich mehr Informationen gewünscht. Generell komplexe Themenbereiche wie zum Beispiel Samba können zudem durch dieses Buch nur angeschnitten werden. Wer als Netzwerkadministrator für sein mittelständisches Unternehmen ein kombiniertes Netzwerk aus Linux-Servern und Windows-Clients mit Samba einrichten will, muss definitiv zu weiterführender Fachliteratur greifen. Das Gleiche gilt für das Thema Sicherheit, auch hier kann Wards Buch nicht alle Aspekte erschöpfend behandeln. Einige Themenbereiche, die man geradezu klassisch mit Linux verbindet, fehlen komplett: Man erfährt also nicht, wie man einen Apache-Webserver mit einer MySQL-Datenbank und einer geeigneten Skriptsprache aufsetzt und erfährt auch nichts über das Einrichten eines eigenen Mailservers, um nur zwei Beispiel zu nennen. Das ist jedoch kein Manko, auf 450 Seiten kann man nun einmal nicht alle nur denkbaren Themen abhandeln. Ward beschränkt sich stattdessen völlig zu Recht auf die eigentlichen Linux-Grundlagen und das ist gut so.

Fazit: Das ist ein Buch für (angehende) "Superuser". Man lernt Linux von der Pike auf ohne grafische Tools zu beherrschen. Damit kann man Linux-Systeme unabhängig von der konkreten Distribution administrieren und findet sich auch auf Servern zurecht, auf denen eine grafische Oberfläche gar nicht erst installiert ist.

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