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Manager immer öfter in Geiselhaft

22.04.2009 | 12:23 Uhr |

Wegen wirtschaftsbedingt unpopulären Maßnahmen wie Stellenstreichungen, Werksverlagerungen ins Ausland oder Kurzarbeit geraten Manager immer häufiger in die Schusslinie der Belegschaft.

Vor allem in Frankreich greifen frustrierte Mitarbeiter zu radikalen Mitteln. Wiederholt kommt es dabei zu persönlichen Übergriffen auf das Management. So zuletzt auch geschehen beim US-amerikanischen Automobilzulieferer Molex. "Ich rechne damit, dass sich solche Übergriffe auch schon bald in anderen europäischen Ländern ereignen könnten. Die Gefahr dieses sogenannten ,Bossnappings' ist gegeben und sollte daher nicht leichtfertig vom Tisch gefegt werden", sagte Jens Hoffmann vom Institut Psychologie & Sicherheit .

Dass sich das Bossnapping vor allem in Frankreich inzwischen zu einem wahren Volkssport entwickelt hat, zeigt die gehäufte Zahl von Geiselfällen der vergangenen Wochen und Monate. Bei Molex wurden zwei Manager gefangen genommen. Damit wollten Arbeiter gegen die für Juni geplante Schließung ihres Werkes mit insgesamt 283 Beschäftigten protestieren. Wie die Gewerkschafter am Molex-Produktionsstandort in Villemur-sur-Tarn nördlich von Toulouse angekündigt haben, wollen sie den Co-Geschäftsführer der Frankreich-Filiale und die Chefin für Personalbelange so lange in ihrer Gewalt halten, bis sie zu Verhandlungen bereit sind. Der festgehaltene Molex-Co-Chef Marcus Kerriou hingegen erklärte jedoch, sich nicht erpressen zu lassen. Die Arbeiter fordern unter anderem eine Entschädigung über 100 Mio. Euro, weil Molex die Fabrik durch Übertragung von Know-how auf andere Werke hat ausbluten lassen.

"Bereits einige Fälle sind vornehmlich aus Frankreich publik geworden. Somit ist bekannt, zu welchen Maßnahmen Mitarbeiter greifen. Es entwickelt sich eine Art von kulturellem Skript, das als Begleiterscheinung der Krise sowie direkter Betroffenheit die Hemmschwelle sinken lässt", unterstreicht Hoffmann auf Nachfrage von pressetext. Laut dem Fachmann ist es somit wichtig für das Management, eine offene Kommunikation mit der Belegschaft zu führen und Probleme offensiv und gemeinsam im Sinne des gesamten Unternehmen zu erörtern. "Wenn ich als Unternehmenslenker mitbekomme, dass Konflikte unausgesprochen schwelen, lohnt es sich, unzufriedene Gruppen in der Belegschaft mit Blick auf ein Frühwarnsystem zu identifizieren, um Schlimmeres zu verhindern", rät Hoffmann weiter. Bei Mitarbeitern gehe es um alles oder nichts. Dies sollten Chefs bei der Kommunikation im Hinterkopf behalten.

Diese Hinweise hätten die Verantwortlichen des Elektronikriesen Sony in einem japanischen Werk Mitte März berücksichtigen sollen. Ein ähnlicher Bossnapping-Fall ereignete sich später auch beim US-Mischkonzern 3M und dem US-Baumaschinenhersteller Caterpillar. Aber auch der britische Klebebandhersteller Scapa sowie der französische Autozulieferer Faurecia waren von Manager-Geiselfällen betroffen. Caterpillar hatte sich erst vorgestern, Montag, nach gewaltsamen Protesten dazu bereit erklärt, weniger Stellen als zuvor geplant zu streichen. Arbeitgebervertreter und nicht zuletzt auch Fachleute wie Hoffmann befürchten angesichts dieser Reaktion, dass Mitarbeiter anderer Unternehmen dadurch ermutigt werden könnten, zu ähnlichen drastischen Maßnahmen zu greifen. (pte)

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