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Billiger und unbürokratisch: Österreich lockt deutsche Firmen

Immer mehr deutsche Firmen zieht es nach Österreich. Die "Austrian Business Agency" (ABA) in Wien verzeichnet derzeit einen regelrechten Ansturm von Interessenten: 446 deutsche Firmenvertreter meldeten sich in den ersten beiden Monaten dieses Jahres bei der Agentur, die ausländischen Unternehmen bei der Ansiedlung hilft. "Das waren bereits 41 Prozent aller Interessenten des gesamten Vorjahres", berichtet ABA-Geschäftsführer René Siegl. Enttäuschung und wachsender Pessimismus über ausbleibende oder nur zaghaft angegangene Wirtschaftsreformen, aber auch die größere Nähe zu den neuen EU-Märkten in Mittelosteuropa locken die Unternehmen in die Alpenrepublik.

Rund 5700 deutsche Firmen haben sich inzwischen in Österreich niedergelassen. Die Vorteile liegen nach Meinung Siegls auf der Hand: Allein bei der Körperschaftssteuer liegt Österreich um rund ein Drittel unter Deutschland. Dazu kommen die um bis zu 20 Prozent niedrigeren Lohnkosten und ein im Vergleich zu Deutschland erheblich eingeschränkter Kündigungsschutz. Ein entscheidender Vorteil ist auch der erheblich geringere Aufwand an Bürokratie.

"In Österreich können Firmen, die sich hier niederlassen wollen, innerhalb von maximal drei Monaten mit einer Genehmigung rechnen, wenn es keine Probleme mit dem Umweltschutz gibt", sagt Siegl. In Deutschland dagegen benötige man für das vergleichbare Verfahren bis zu einem Jahr. Zurzeit würden 9 Projekte mit einem Investitionsvolumen von rund 400 Millionen Euro verwirklicht. "Insgesamt liegt das potenzielle Investitionsvolumen bei rund einer Milliarde", heißt es in Wien.

Überwiegend sind es kleinere und mittlere Unternehmen aus Deutschland, die bei der ABA Interesse an einer Ansiedlung in Österreich anmelden. Gut die Hälfte kommt aus Bayern und Baden- Württemberg. Stark vertreten unter den deutschen Interessenten sind Unternehmen aus zukunftsorientierter Branchen. Von den 166 Firmen, mit denen die "Austrian Business Agency" in konkreten Verhandlungen steht, kommen 29 aus der IT-Branche, 14 aus dem Bereich "Umwelt", 13 aus dem Biotech-Bereich und 3 aus der Nano-Technologie.

Nur die wenigsten planen allerdings eine komplette Übersiedlung ins Nachbarland. "Wir haben seit einem Jahr eine Kooperation mit einem Unternehmen in Innsbruck, deshalb lag es nahe, dort eine Niederlassung zu gründen" bestätigt Gernot Hacker von der Software- Schmiede "Avira" im baden-württembergischen Tettnang. An eine komplette Übersiedlung des Unternehmens mit seinen 160 hoch- spezialisierten Mitarbeitern sei nicht gedacht, "Österreich wäre als Investitionsort wegen des Kündigungsschutzes zwar spannend", aber: "In unserer Branche braucht man Experten, und die kann man nicht einfach rausschmeißen und ersetzen".

Ähnlich denkt der Sprecher eines Berliner Unternehmens aus dem Bereich der Telekommunikation (Umsatz 2005: 43 Millionen Euro), das in Wien eine Niederlassung gründen will. "Natürlich sind Unternehmer enttäuscht, dass die neue Regierung die Belastungen für die kleinen und mittleren Unternehmen noch nicht gesenkt hat", klagt er. Seine Firma denke nicht an eine komplette Übersiedlung, doch die mangelnde Flexibilität in Deutschland "verlockt auch nicht gerade zur Expansion".

Der "Austrian Business Agency", die mit ihren 27 Mitarbeitern in den vergangenen zehn Jahren 369 deutschen Unternehmen in Österreich angesiedelt hat, soll es Recht sein. Zwar muss sich die ABA vor allem aus München immer wieder Klagen anhören, man werbe allzu schamlos für eine Übersiedlung. Doch österreichische Politiker sehen die Entwicklung gelassen. Solange Deutschland die nötigen Reformen auf die lange Bank schiebe, werde sich an der Entwicklung nichts ändern, betont etwa Finanzminister Karl-Heinz Grasser. Und Kanzler Wolfgang Schüssel meint: "Wer immer sich bei uns ansiedeln will, ist hier willkommen!"

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