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Big Brother mit Sträflingen

06.11.2000 | 16:37 Uhr |

Verbrechen lohnt sich nicht, und wer das nicht glaubt, dem sei die Internet-Adresse www.mcso.org empfohlen. Dort sprechen gut sichtbare Gitterstäbe eine deutliche Sprache, und das freut Sheriff Joe Arpaio aus Phoenix (US-Bundesstaat Arizona). Im Internet führt er mit Live-Übertragungen seiner "Jail Cams" (Gefängnis-Kameras) das Innere seiner Haftanstalt vor - zur Abschreckung, Unterhaltung, und natürlich auch zur Wahlwerbung in eigener Sache.

Verbrechen lohnt sich nicht, und wer das nicht glaubt, dem sei die Internet-Adresse www.mcso.org empfohlen. Dort sprechen gut sichtbare Gitterstäbe eine deutliche Sprache, und das freut Sheriff Joe Arpaio aus Phoenix (US-Bundesstaat Arizona). Im Internet führt er mit Live-Übertragungen seiner "Jail Cams" (Gefängnis-Kameras) das Innere seiner Haftanstalt vor - zur Abschreckung, Unterhaltung, und natürlich auch zur Wahlwerbung in eigener Sache.

Arpaio möchte seinen Posten als oberster Ordnungshüter des Bezirks Maricopa County in Arizona gerne behalten. Am 7. November wird darüber abgestimmt, zeitgleich mit der Präsidentschaftswahl. Seit sieben Jahren ist Arpaio Sheriff für die knapp drei Millionen Bewohner seines Bezirks, des größten in Arizona. Zum dritten Mal steht der 68-Jährige jetzt im Wahlkampf, und es gilt als sicher, dass er seinen Posten behält.

Immerhin ist er berühmt. Zeitungen im ganzen Land beschrieben ihn als den "gemeinsten Sheriff Amerikas", und das hält Arpaio für einen werbeträchtigen Ehrentitel. "Wir glauben einfach daran, dass man Verbrechern das Leben nicht zu leicht machen sollte", betont Arpaios Sprecher Bill Knight im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur.

Natürlich wurden die Insassen des Bezirksgefängnisses nicht gefragt, bevor man die Digitalkameras über ihren Zellen aufbaute. "Wir führen der Öffentlichkeit gerne vor, wie wir arbeiten", begründet Knight die Verletzung der Häftlings-Privatsphäre.

Das Interesse an der Website mit den unfreiwilligen "Big Brother"-Mitspielern aus Phoenix ist groß. Die Seitenaufrufe waren schon kurz nach dem Start im vergangenen Sommer so zahlreich, dass die bezirkseigenen Server die Übertragung vorübergehend einstellen mussten. Neuerdings werden die Aufnahmen über den Internet-Händler crime.com verbreitet, der in seinem virtuellen "Crime Store" auch Kriminalromane, Humphrey-Bogart-Thriller und Kleidung aus einer Gefängnis-Schneiderei anbietet.

Bei Bürgerrechtlern sind Arpaios Maßnahmen umstritten. Den Aktivisten der "American Civil Liberties Union" (ACLU) ist der Sheriff verhasst, er betreibe "Bestrafung durch Demütigung", so die Kritiker. Aber bei den Wählern ist Arpaio populär. Der Sheriff senkt zur Freude der Steuerzahler die Knast-Betriebskosten. Indem er in seinem Gefängnis den Kaffee gestrichen hat, spart er jährlich umgerechnet 200 000 Mark ein. Die Insassen bekommen lediglich Billig-Lebensmittel. Nach der Spende einer Straußenfarm gab es unter Arpaios Regie wochenlang Straußenfleisch zum Mittagessen. Wer sich nicht an die Gefängnisregeln hält, wird mit Wasser und Brot bestraft.

Und wenn die Zellen zu voll sind, werden die Häftlinge eben selbst bei Sommertemperaturen von über 40 Grad und in Winter-Frostnächten in ungekühlten und ungeheizten Zelten auf dem Gefängnishof untergebracht. Dieses primitive Straflager für 1250 Menschen ist allerdings im Web nicht zu sehen - aus "technischen Gründen". "Wir konnten draußen keine Kameras anschließen", behauptet Bill Knight.

Die ACLU bereitet unterdessen eine Klage gegen Arpaio vor. Das Hauptargument der Bürgerrechtler: Die meisten der zurzeit über 7000 Insassen im Gefängnis von Maricopa County sind noch nicht einmal verurteilt, es handelt sich überwiegend um Untersuchungshäftlinge, die auf ihr Verfahren warten.

Umfragen ergaben, dass Arpaio eine überwältigende Mehrheit von bis zu 80 Prozent auf seiner Seite hat. Die größte Tageszeitung des Bundesstaates, die "Arizona Republic", unterstützt ihn ebenfalls offiziell, wenn auch "mit gedämpften Trompeten", wie es jetzt auf der Kommentarseite hieß. Arpaio sei zwar ein "Showman Sheriff", aber immerhin erfahrener als seine Wahlkampfgegner. (PC-WELT, 06.11.2000, dpa/ pk)

www.mcso.org

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