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Auto- und Motorradfahrern drohen tödliche Unfälle mit Mähdreschern

02.08.2016 | 13:52 Uhr |

In Deutschland hat die Erntesaison begonnen. Wenn die Landwirte mit ihren Mähdreschern unterwegs sind, drohen schwerste und tödliche Kollisionen mit Autofahrern und Motorradfahrern. Im schlimmsten Fall spießen die Mähdrescher den Biker auf, wie Crashtests der Dekra zeigen. Und den Autofahrer retten weder Airbags, noch ausgefeilte IT, noch Sicherheitsgurte.

Seit den 1970er Jahren sank die Zahl der im Straßenverkehr Getöteten kontinuierlich. So starben Anfang der 1970er Jahre über 20.000 Menschen pro Jahr auf Deutschlands Straßen. Im Jahr 2012 waren es noch 3606 Tote und 2013 forderte der Straßenverkehr sogar „nur“ noch 3300 Menschenleben. Wobei die Erfolge im Kampf gegen den Tod im Straßenverkehr weltweit nicht gleich verteilt sind: So sind Autofahrer in Deutschland deutlich weniger vom Tod bedroht als beispielsweise Autofahrer in Lateinamerika.

Warum sterben immer weniger Menschen im Straßenverkehr?

Nein, Deutschlands Autofahrer fahren nicht etwa besser oder rücksichtsvoller. Das merkt jeder, der im Straßenverkehr unterwegs ist. Sondern die Autos selbst sind schlicht sicherer geworden. Zunächst verbesserten die Automobilhersteller die passive Sicherheit ihrer Fahrzeuge deutlich, in den letzten Jahren steht nun die Verbesserung der aktiven Sicherheit im Mittelpunkt. Also Sicherheits-Assistenzsysteme wie ABS, ESP, Notbremsassistenten und Spurverlassenswarner – moderne Elektronik und Computertechnik rettet Menschenleben, indem sie Unfälle von vornherein verhindert und so die notorischen Fahrfehler der Menschen ausgleicht. Radar, Lidar, Kamera - die Augen der neuen Sicherheits-Assistenten helfen Unfälle zu vermeiden. Zusätzliche Fahrerassistenzsysteme machen das Autofahren sicherer. Wobei immer noch der gute alte Gurt der Lebensretter Nummer 1 ist. Trotz der vielen IT im Auto.

Übrigens: Die tödlichsten Straßen sind die Land- und Bundesstraßen.

Einen Nachteil hat die viele IT und Sensorik in modernen Autos aber – sie macht die Fahrzeuge schwerer. Was wiederum den Kraftstoffverbrauch in die Höhe treibt. Viele Autofahrer sind von den Vorteilen moderner Assistenzsysteme längst überzeugt und bestellen diese bei einem Neuwagenkauf mit.

Die Erntezeit überfordert Assistenzsysteme und moderne Autos

Die Dekra hatte vor einiger Zeit drei spezielle Crashtests durchgeführt, die zeigen sollen, welche fatale Folgen ein Zusammenstoß zwischen einem Mähdrescher – mit und ohne Mähwerk – und einem PKW beziehungsweise Motorrad hat. Die Ergebnisse lassen einen schaudern - sie beweisen, dass selbst modernste Hightech-Sicherheits- und Assistenzsysteme keine tödlichen Unfälle verhindern können.

Seitlicher Aufprall eines Motorradfahrers gegen den Reifen eines Mähdreschers mit 60 km/h im Dekra-Crashtest. Bei einem realen Unfall wären schwerste, wenn nicht tödliche Verletzungen für den Motorradfahrer die Folge.
Vergrößern Seitlicher Aufprall eines Motorradfahrers gegen den Reifen eines Mähdreschers mit 60 km/h im Dekra-Crashtest. Bei einem realen Unfall wären schwerste, wenn nicht tödliche Verletzungen für den Motorradfahrer die Folge.
© Dekra

Crashtest Nummer 1: Motorradfahrer gegen Mähdrescher ohne Mähwerk

Ein Motorradfahrer prallt mit Tempo 60 seitlich gegen den Reifen des Mähdreschers. „Wäre das ein realer Unfall gewesen, hätte der Motorradfahrer schwerste, wenn nicht tödliche Verletzungen erlitten“, so Jörg Ahlgrimm, Leiter der Unfallanalyse bei der Dekra.

Frontalkollision mit einem Mähdrescher, der vorschriftsmäßig mit abgebautem Mähwerk unterwegs ist: Im Dekra-Crashtest mit 67 km/h unterfährt der Pkw die feste Struktur der Erntemaschine, steife Bauteile dringen in den Fahrgastraum ein. In einem solchen Fall nützen auch Airbag und Sicherheitsgurt nicht mehr.
Vergrößern Frontalkollision mit einem Mähdrescher, der vorschriftsmäßig mit abgebautem Mähwerk unterwegs ist: Im Dekra-Crashtest mit 67 km/h unterfährt der Pkw die feste Struktur der Erntemaschine, steife Bauteile dringen in den Fahrgastraum ein. In einem solchen Fall nützen auch Airbag und Sicherheitsgurt nicht mehr.
© Dekra

Crashtest Nummer 2: VW Golf gegen Mähdrescher

Dasselbe gilt für den frontalen Aufprall eines Autos mit 67 Stundenkilometern im zweiten Crashtest bei abgebautem Mähwerk. „Hier unterfährt der Pkw die feste Struktur der Erntemaschine, steife Bauteile dringen im Oberkörper- und Kopfbereich der Insassen in den Fahrgastraum ein. In einem solchen Fall bringen alle passiven Sicherheitseinrichtungen bis hin zu Airbag und Sicherheitsgurt praktisch nichts mehr“, wie der Dekra-Experte erklärt.

Das Worst-Cast-Szenario: Ein Motorradfahrer fährt im Dekra-Crashtest mit 65 km/h in das Mähwerk eines Mähdreschers. Der Dummy wird vom Mähwerk regelrecht aufgespießt – ein Mensch hätte hier mit Sicherheit keine Überlebenschance.
Vergrößern Das Worst-Cast-Szenario: Ein Motorradfahrer fährt im Dekra-Crashtest mit 65 km/h in das Mähwerk eines Mähdreschers. Der Dummy wird vom Mähwerk regelrecht aufgespießt – ein Mensch hätte hier mit Sicherheit keine Überlebenschance.
© Dekra

Crashtest Nummer 3: Mähwerk spießt Motorradfahrer auf

Das absolute Worst-Case-Szenario stellt der dritte Crashtest dar. Dabei kollidiert ein Motorradfahrer mit eigentlich moderaten 65 km/h im Gegenverkehr mit einem Mähdrescher, der – entgegen der Vorschrift – mit angebautem Mähwerk auf der Straße unterwegs ist. „In diesem Crash wurde der Dummy auf dem Motorrad buchstäblich vom Mähwerk aufgespießt“, schildert Jörg Ahlgrimm die Szene. „Ein Mensch hätte hier mit Sicherheit keine Überlebenschance.“

Deshalb ist die Erntezeit gefährlich

Gefahren im Zusammenhang mit Mähdreschern und anderen Erntemaschinen entstehen aus mehreren Gründen. Zum einen sind sie – schon ohne Mähwerk – sehr breit und zugleich oft auf relativ schmalen Landstraßen unterwegs. Erntemaschinen sind außerdem langsam und oft nicht gut erkennbar. Gerade in der heißen Phase der Ernte sind sie auch in der Dämmerung oder bei Dunkelheit im Einsatz. Auch das kann zu gefährlichen Situationen führen.

Eine Lösung der Probleme auf Seiten der Konstruktion von Mähdreschern und ähnlichen Geräten gibt es aus Sicht des Experten praktisch nicht. Sicherheitseinrichtungen wie etwa ein Unterfahrschutz lassen sich an Mähdreschern und ähnlichen Geräten nicht anbringen, ohne den eigentlichen Zweck, den Arbeitseinsatz auf dem Feld, zu beeinträchtigen. „Im Grunde sind das eben keine Fahrzeuge, sondern Arbeitsmaschinen. Sie sind konstruiert für den landwirtschaftlichen Arbeitseinsatz und nicht regelmäßig auf Straßen unterwegs. Eine Struktur zum Schutz von anderen Verkehrsteilnehmern müsste ständig an- und wieder abgebaut werden.“

Nur besondere Vorsicht schützt

Die Dekra-Experten rufen während der Erntesaison alle Verkehrsteilnehmer dazu auf, speziell in ländlichen Gebieten besonders vorsichtig zu fahren. „Wichtig ist, dass Sie in diesen Wochen jederzeit mit landwirtschaftlichen Fahrzeugen rechnen, die langsam auf Landstraßen unterwegs sind, die einbiegen oder queren“, so Ahlgrimm. „Das gilt nicht nur für Mähdrescher, sondern natürlich auch für Ackerschlepper mit Anhängern, die das Getreide transportieren.“

An die Betreiber der Erntemaschinen appelliert der Unfallexperte, immer die entsprechenden Sicherheitsvorschriften zu beachten, auch wenn es sich nur um kürzeste Fahrstrecken auf Straßen handelt. „Spätestens ab einer Breite von 3,50 Metern müssen Schwertransporte in ganz Deutschland mit einem Begleitfahrzeug unterwegs sein. Diese Vorgabe gilt auch für Mähdrescher und andere Erntemaschinen“, so Ahlgrimm. „Zwischen 3,00 und 3,50 Metern sind in vielen Bundesländern spezielle Genehmigungen notwendig.“ Mit angebautem Mähwerk auf der Straße unterwegs zu sein, hält der DEKRA Experte für absolut tabu. „Unser Crashtest mit dem Motorradfahrer hat deutlich gezeigt, wie lebensgefährlich ein solches Verhalten ist.“

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