119996

Streichung der Treueprämien kann Jobabbau bewirken

05.11.2008 | 12:33 Uhr |

Obwohl die Auszahlung hoher Treueprämien für langjährige Mitarbeiter, Älteren den Einstieg in den Beruf erschwert, könnte eine Abschaffung dieses Senioritätsprinzips auf lange Sicht viele Arbeitsplätze kosten.

Zu diesem Fazit gelangt eine aktuelle Untersuchung des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW). Die Wirtschaftspezialisten weisen vor allem darauf hin, dass bei Betrieben, die einen jährlichen Treuezuschlag von drei Prozent zahlen, der Anteil der neu eingestellten Älteren an den gesamt neu Eingestellten um zehn Prozent niedriger ist als bei Firmen, die nur zwei Prozent Treueaufschlag ausgeben. Laut dem ZEW wären Unternehmen ohne das Senioritätsprinzip dazu gezwungen, andere und möglicherweise sogar teurere Anreizsysteme zu entwickeln, die letztlich Jobs kosten würden.

Hintergrund für die Warnung des ZEW sind die Pläne des EU-Kommissars für Beschäftigung, soziale Angelegenheiten und Chancengleichheit, Vladimir Spidla. Wegen der oft schwierigen Integration älterer Angestellter in den Arbeitsprozess erwägt Spidla nun, die Entgeldzuschläge abzuschaffen und somit den Zugang zum Arbeitsmarkt zu erleichtern. Als Gegenargument ist das ZEW der Überzeugung, dass die bislang ausgezahlten Treueprämien freiwillig von vielen Unternehmen gezahlt werden. In vielen Firmen sei die Anwendung des Senioritätsprinzips ein effizienter Weg, um hochqualifizierte Facharbeitskräfte mit wertvollem Know-how langfristig an den Betrieb zu binden und darüber hinaus die Motivation sowie Loyalität zu stärken. Dabei ist der Zusammenhang der Senioritätslöhne mit der hohen Bindekraft laut ZEW volkswirtschaftlich bewiesen.

Wie das ZEW in einer Erhebung vorrechnet, liegt die Betriebszugehörigkeit der Mitarbeiter in einer Firma, die das Gehalt um drei Prozent im Jahr aufstockt, um rund sechs Jahre höher als in einem Betrieb, der nur den branchenüblichen Durchschnitt von zwei Prozent bezahlt. Fällt die Senioritätsentlohnung als Instrument zur Mitarbeiterbindung wie geplant weg, müssten die Unternehmen daher nachrüsten, um wertvolle Mitarbeiter langfristig halten zu können. "Denkbar wäre beispielsweise eine leistungsabhängige Entlohnung. Da dieses Instrument indessen für alle Mitarbeiter gelten würde, könnte es für die Unternehmen teuer werden", unterstreicht Thomas Zwick von der betriebswirtschaftlichen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München http://www.uni-muenchen.de auf Nachfrage von pressetext.

Laut Zwick sei es für ältere Arbeitslose schwierig, für sich zu akzeptieren, dass die Entlohnung bei einem neuen Arbeitgeber nicht auf dem gleichen Niveau des vorigen Arbeitgebers ausfällt. Deshalb zögern sie häufig zu lange, schlechter bezahlte Jobangebote zu akzeptieren. Bei einem Wegfall der Senioritätsentlohnung wäre dieses Problem zwar geringer, gleichzeitig könnte das durchschnittliche Lohnniveau der Betriebe aber steigen. Die jüngeren Mitarbeiter würden die niedrigen Einstiegslöhne nicht mehr akzeptieren, wenn sie nicht mehr mit einem überproportionalen Lohnanstieg rechnen können. "Zusätzlich steigt dann ihre Bereitschaft, den Arbeitgeber frühzeitig zu wechseln, wenn hierbei ein höherer Lohn zu erwarten ist", so Zwick gegenüber pressetext. Deshalb sei ein Jobabbau wegen der insgesamt höheren Arbeitskosten zu befürchten. (pte)

0 Kommentare zu diesem Artikel
119996