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IT-Freelancer als Innovationsmotor

Zwei von drei Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern nutzen die Dienste von spezialisierten IT-Freiberuflern - Tendenz steigend. Es geht längst nicht mehr allein darum, mit ihnen kurzfristig Ressourcenengpässe zu überbrücken.

Von Dr. Andreas Stiehler

Personalmangel, Projektstau, Forderung der Geschäftsbereiche nach mehr Beratung – diese Faktoren zwingen IT-Verantwortliche in deutschen Unternehmen geradezu, ihre Sourcing-Strategie zu überdenken und außerhalb des eigenen Unternehmens nach Verstärkung zu suchen. Die Suche nach externer Unterstützung beschränkt sich jedoch nicht allein auf spezialisierte IT-Dienstleister oder Outsourcing-Anbieter. Denn zur Schließung von Kapazitäts- und Know-how-Lücken greifen Unternehmen in immer stärkeren Maße auch auf hochqualifizierte IT-Freelancer zurück.

Dies belegt die aktuelle Marktstudie "Einsatz externer IT-Spezialisten in Deutschland 2008 – Bedarf, Management und Sourcing-Strategien", die Berlecon Research im Auftrag der Hays AG erstellt hat. 160 Sourcing-Verantwortliche aus deutschen Unternehmen mit mindestens 500 Mitarbeitern wurden für diese repräsentative Studie befragt. Demnach hat sich der Einsatz externer IT-Spezialisten in Deutschland etabliert: In 70 Prozent der Unternehmen kommen derzeit hochqualifizierte IT-Freelancer zum Einsatz. Und legt man den kurzfristig erwarteten Bedarf der Befragten zu Grunde, dann wird dieser Anteil im Sommer 2008 auf über 80 Prozent ansteigen.

Dabei geht es längst nicht mehr allein darum, durch Einsatz externer Kräfte kurzfristig Ressourcenengpässe zu überbrücken. Vielmehr erkennen immer mehr IT-Verantwortliche die Möglichkeit, mit Hilfe der Externen den Wissensstand der eigenen Belegschaft zu erhöhen und somit Innovationen voranzutreiben und die Produktivität zu steigern. Schließlich können und müssen IT-Freelancer – anders als die meisten Festangestellten – über die Unternehmensgrenzen hinaus blicken. Sie verfügen damit meist über weitreichendere Erfahrung und Best-Practice-Wissen beim Einsatz neuer Technologien oder bei der Umsetzung innovativer Projekte.

Wenn es gelingt, dieses Wissen breit im Unternehmen zu streuen, sollten kürzere Projektzeiten und ein geringerer Aufwand bei der Realisierung von IT-Vorhaben das Ergebnis sein. Und tatsächlich bestätigen mehr als drei Viertel der befragten Unternehmen mit IT-Freelancer-Erfahrung, dass die Produktivität ihrer IT-Organisation durch Know-how-Transfer der Externen gestiegen ist.

Angesichts dieser Erfahrungen liegt es auf der Hand, dass Unternehmen in immer stärkeren Maße externe IT-Spezialisten für die Schulung der eigenen Mitarbeiter oder gar für die Beratung der Geschäftsbereiche einsetzen. So rechnet schon heute jedes zweite Unternehmen mit Bedarf an Externen für Beratungs- und Schulungsaufgaben. Und die Anzahl der im Bereich "Schulung & Beratung" eingesetzten IT-Freelancer wird nach den Erwartungen der Unternehmen im Vergleich zu anderen Tätigkeitsfeldern überproportional stark ansteigen.

Unternehmen, die an dieser Entwicklung teilhaben und vom Fachwissen der Externen profitieren wollen, sollten jedoch auch einkalkulieren, dass der Einsatz externer IT-Spezialisten einige kritische Herausforderungen mit sich bringt. Denn natürlich müssen Externe zunächst in unternehmensspezifische Anforderungen eingearbeitet werden. Zudem erfordert deren Koordination und Steuerung Zeit, selbst wenn nur eine kleine Zahl an Externen zum Einsatz kommt. Dieser Managementaufwand – dies zeigen unsere Ergebnisse – wird gerade von unerfahrenen Unternehmen häufig unterschätzt. Er lässt sich jedoch begrenzen, wenn der Einsatz von IT-Freelancern als integrativer Teil der Sourcing-Strategie langfristig geplant und vorbereitet wird.

Und natürlich sollte auch Zeit eingeplant werden, um externe IT-Spezialisten in die Teams zu integrieren und Vorbehalte unter den Festangestellten abzubauen. Allerdings belegen die Studienergebnisse auch, dass die Nichtakzeptanz von Externen durch Festangestellte eher einen Mythos denn ein weit verbreitetes Problem in der Praxis ist.

Für IT-Freelancer selbst bieten die Ergebnisse der Studie durchaus Grund zum Optimismus. Erstens lassen sie darauf schließen, dass die Nachfrage nach Externen kurz- und mittelfristig weiter zunehmen wird. Zweitens steigt die Bereitschaft, externe IT-Spezialisten auch am oberen Ende der Wertschöpfung – sprich: als Wissensvermittler und Berater – einzusetzen. Das heißt, IT-Freelancer agieren in einem Wachstumsmarkt. Und wenn die Nachfrage tendenziell zunimmt und das Angebot eher stagniert, dann lassen sich für dieses Segment auch steigende Preise erwarten.

Für Übermut oder gar Goldgräberstimmung besteht dennoch kein Anlass. Denn mit der zunehmenden Reife des IT-Freelancer-Marktes steigen auch die Anforderungen an die Externen. Zertifizierte technische Spezialkenntnisse sind heute zwar eine Grundvoraussetzung, aber nicht das wichtigste Auswahlkriterium der Sourcing-Verantwortlichen. Vielmehr verlangen sie von den Externen Soft Skills wie Beratungskompetenz und Kommunikationsstärke gepaart mit Branchen- und Prozess-Know-how. Kurz und knapp: Unternehmen wollen Experten, die in der Lage sind, ihr Spezialwissen auch zu vermitteln. Anstatt sich in Erwartung üppiger Beratergehälter zurückzulehnen, sollten IT-Freelancer daher in den Ausbau Ihrer Soft Skills investieren.

Der Einsatz externer IT-Spezialisten als Innovationsmotor und Produktivitätstreiber bietet beträchtliche Chancen. Für deren Realisierung müssen beide Seiten aber noch investieren – Unternehmen in eine gesamtheitliche Sourcing-Strategie mit effizienten Prozessen für das IT-Freelancer-Management und Externe in den Ausbau ihrer Soft Skills.

Dr. Andreas Stiehler ist bei Berlecon Research für die Themenschwerpunkte IT Services und Outsourcing verantwortlich.

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