Analyse

IBMs wirklicher Plan nach dem Verkauf an Lenovo

Was bewegte IBM nun tatsächlich zum Verkauf ihrer Notebooksparte? Welche längerfristigen Pläne waren die wirklichen Treiber dieser strategischen Entscheidung?
Von Rüdiger Spies

IBM hat dies kürzlich in einer Pressemeldung vom erläutert und durchblicken lassen, welche längerfristigen wirklichen Pläne hinter dem Verkauf der PC Division an Lenovo stecken. IBM plant durch ihr Lab in Indien eine groß angelegte Initiative für mobile Web Services. Diese sind dafür ausgelegt, den PC als das primäre Geschäfts- und Kommunikations-Instrument abzulösen oder zumindest seine Bedeutung drastisch zu reduzieren. Auf
Grund des Verkaufs an Lenovo muss IBM keine Rücksicht mehr auf Microsoft nehmen. Alle IBM-Systeme mit Intel-Prozessoren laufen auch mit Linux. Dadurch hat sich IBM praktisch unabhängig von Windows gemacht. Einmal mehr wird hiermit bestätigt, dass die eigentliche PC-Ära sich dem Ende zuneigt. Die echten Innovationen kommen in erster Linie aus dem mobilen Segment.
IBM bringt seine ganze Erfahrung aus der Virtualisierung von Hardware ein, um nicht wieder in eine Abhängigkeit à la Microsoft/Intel zu fallen. Das Zaubertool heißt SoulPad. Es separiert den eigentlichen Inhalt – die Daten – von allen physikalischen Elementen wie Tastatur, Festplatte, Bildschirm, Prozessor, etc. IBMs Planungsgrundlage ist die Annahme, dass zunehmend Nutzer zwar auf ihre Daten zugreifen, aber keinen vollständigen PC mit sich führen wollen. Und zum Kommunikationsinstrument Nr. 1 entwickelt sich ohnehin mehr und mehr das Mobiltelefon. Somit macht auch die Kooperation mit Vodafone und BuddyComm Sinn. Sie soll Social Networking "any time, any place" ermöglichen.
Weiter sind in der initialen Phase Gesundheitsservices und ein "Universal Mobile Translator" geplant, um online Sprachübersetzungen zu ermöglichen. IBM hat dazu mit der US-Army im Golfkrieg bereits Erfahrungen sammeln können. Bisher ist die Performance noch begrenzt, aber schließlich ist es ja auch der Beginn einer neuen Ära. Weitere Trümpfe in diesem Poker hat IBM im Ärmel: den Cell Prozessor mit dem Power-Kernel, der für den Massenmarkt geeignet ist sowie seine weltweiten Datennetze und Computing-Center, die allesamt SaaS-fähig sind.
Fazit: IBM, die Innovation und Intellectual Property zu den primären Differenzierungscharakteristiken erklärt hat, setzt sich damit wieder einmal von dem Mitbewerb ab. Neue mutige Kooperationen sowie Übernahmen können erwartet werden. Microsoft wird dieser Schritt von IBM hart treffen. Eine Erklärung des Branchenprimus, dass der PC nicht mehr das Zentrum von Innovation ist, ist gerade auch nach Microsofts Abkehr von der Yahoo-Übernahme um so schwerwiegender.
Rüdiger Spies ist Independent Vice President Enterprise Applications bei IDC in München
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