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Agentenmaterial im Netz

22.01.2001 | 16:49 Uhr |

Die Schweizer Gruppe "Revolutionärer Aufbau" hat Manfred Schlickenrieder, von der Münchner "Gruppe 2", enttarnt: Er arbeitete als Spitzel für den Geheimdienst und forschte linke Strukturen in Deutschland, Italien, Frankreich und der Schweiz aus. Ein Ausweis, Reise- und Kontaktberichte, Karteien und andere Originaldokumente, die dies belegen, sind im Internet abrufbar.

Die Schweizer Gruppe "Revolutionärer Aufbau" hat Manfred Schlickenrieder, von der Münchner "Gruppe 2" enttarnt: Er arbeitete als Spitzel für verschiedene Geheimdienste und forschte linke Strukturen in Deutschland, Italien, Frankreich und der Schweiz aus. Es drängt sich die Frage auf, ob die "Gruppe 2" lediglich für Spitzeltätigkeiten von einer Geheimdienst-Organisation gegründet wurde.

Die auf der "Aufbau"-Website dokumentierten Rechercheunterlagen geben Einblick in die jahrelange Unterwanderung linker Strukturen, die der Chef der Gruppe 2 betrieben hatte. Ein Ausweis, Reise- und Kontaktberichte, Karteien und andere Originaldokumente, die dies belegen, sind im Internet abrufbar. Auch Reise- und Fahrtkostenabrechnungen finden sich darunter.

Unter dem Decknamen "Camus" hatte Schlickenrieder Berichte und politische Einschätzungen verfasst und Namens- und Adresslisten sowie Fotokarteien angefertigt. Anhand von PDF-Dateien im Netz kann man sich davon ein Bild machen - Namen wurden allerdings aus Datenschutzgründen unkenntlich gemacht.

Mehr als 15 Jahre lang hatte "Camus" Aktivisten der Linken in Westeuropa bespitzelt. Die von der Gruppe 2 betriebene Videoproduktion ermöglichte es Staatsorganen zudem, über Jahre hinweg Veranstaltungen und Aktionen der revolutionären Linken seit Anfang der 80er Jahre zu filmen.

Dass der Agent auch Zugang zu Berichten und Auswertungen staatlicher Dienste hatte, zeigen eindeutig behördliche Dokumente, die sich ebenfalls unter den Beweisstücken finden: Lageberichte des italienischen Geheimdienstes SISDE, Listen der Post- und Besuchsüberwachung bei RAF-Gefangenen aus Deutschland oder eine Zusammenfassung des Bundesamtes für Verfassungsschutz über Telefon- und Kontaktobservation gegen vermeintliche Mitglieder der französischen "Action Directe".

Münchner Linke hatten sich schon längst gefragt, wie Schlickenrieder und die Gruppe 2 eigentlich ihren Lebensunterhalt finanzieren konnten. Schließlich fuhr der Chef noch dazu teure Autos. Der Verleih von Filmausrüstung oder der Verkauf eigener Broschüren konnte so viel wohl nicht einbringen. Abrechnungen aus verschiedenen Jahren - wie sie nun im Netz einsehbar sind - belegen die Fremdfinanzierung.

Für welche Geheimdienste und staatliche Stellen Schlickenrieder gearbeitet hat, ist allerdings nicht eindeutig ersichtlich. (PC-WELT, 22.01.2001, lmd)

Dokumentation & Material zu Schlickenrieder

PC-WELT Report: Datenversteck Internet

Geheimdienste als Datendiebe (PC-WELT Online, 18.02.2000)

Geheimdienste: Freispruch wegen Internet (PC-WELT Online, 24.01.2000)

Spione gesucht (PC-WELT Online, 18.01.2000)

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