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Addio Idylle: Die Telecom Italia, Prodi und der Knackpunkt TIM

19.09.2006 | 12:58 Uhr |

Der Fall Telecom Italia schlägt von Mailand bis Palermo weiterhin hohe Wellen.

Dabei muss Ministerpräsident Romano Prodi zum ersten Mal seit seinem Amtsantritt im vergangenen Mai richtig herbe Kritik einstecken: Die Opposition fordert eine Aussprache im Parlament, die Bündnispartner sind überraschend still geworden und Industrielle werfen ihm vor, sich auf übertriebene Weise in die Wirtschaft einzumischen. Bisher hat der Regierungschef dabei alles andere als eine "bella figura" abgegeben.

Der Wirbel um den Telekom-Konzern "könnte dazu führen, dass Italiens Image und Glaubwürdigkeit im Ausland weiteren Schaden nehmen", mahnte Luca Cordero di Montezemolo, der Präsident des Industriellenverbandes Confindustria. Nach Prodis Kritik an den Umstrukturierungs-Plänen der Telecom Italia hatte Unternehmenschef Marco Tronchetti Provera am Wochenende überraschend seinen Hut genommen, mittlerweile ist auch ein enger Berater Prodis im Zuge der Affäre zurückgetreten. Was war passiert?

Tronchetti Provera hatte nach einer Aufsichtsratssitzung vor einer Woche bekannt gegeben, dass sein Konzern eine völlige Neuorientierung anstrebt: Die Festnetztelefonie soll von der Mobilfunksparte Telecom Italia Mobile (TIM) getrennt werden, zudem sei ein Ausbau des Breitbandgeschäfts geplant, erklärte der Manager. Die Telecom Italia soll so zu einem Medienunternehmen ausgebaut werden, als Partner ist bereits der australische Tycoon Rupert Murdoch im Gespräch. So weit, so gut. Jedoch gibt es bei dem Plan einen Knackpunkt: Die TIM.

Prodi befürchtete, die Mobilfunktochter könnte ins Ausland verkauft werden und warf der Konzernführung vor, die Regierung nicht rechtzeitig über die Neuausrichtung informiert zu haben. Um das Maß voll zu machen, ließ er kurz darauf auch noch eine Liste von privaten Gesprächen mit Tronchetti Provera veröffentlichen, die mit Blick auf zukünftige Taktiken der Gruppe nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren. Sie sollten als Beweis dafür dienen, dass der Telecom-Chef dem Ministerpräsidenten versprochen hatte, die TIM werde in italienischen Händen bleiben.

Nun wurde auch noch bekannt, dass Prodis Berater Angelo Rovati der Telecom Italia einen "geheimen Plan" unterbreitet haben soll, in dem die Wiederverstaatlichung des Festnetzes vorgeschlagen wird. Rovati reichte daraufhin seinen Rücktritt ein, Montezemolo explodierte und warf Prodis Regierung eine "dirigistische Haltung" vor. "Was die Entscheidungen des Telefon-Kolosses betrifft, hätte die Regierung still und nüchtern reagieren müssen", entfuhr es dem smarten Ferrari-Präsidenten.

Jetzt hat der bisherige Sonderkommissar des Fußballverbandes, Guido Rossi, das Zepter übernommen - ein Mann für heikle Fälle, der immer dann gerufen wird, wenn es irgendwo brennt. Nach dem Fußball-Skandal in Italien war er im Mai damit beauftragt worden, den "calcio italiano" von Bestechung und Korruption zu befreien. Bei der Telecom wartet ebenfalls keine leichte Aufgabe auf ihn: Der Konzern sitzt auf über 41 Milliarden Euro Schulden. Rossi will nach eigenen Angaben an der Aufspaltung der Telecom Italia festhalten. Jedoch sei der Verkauf der Mobilfunksparte derzeit nicht geplant, betonte er.

Beobachter meinen aber, nur durch eine Veräußerung von TIM - die einen Wert von etwa 35 Milliarden Euro hätte - könnte der Konzern saniert werden. "Kein idyllisches Klima" für den neuen Präsidenten, kommentierten Medien. Immerhin: Einen ersten Schritt in Richtung Ausbau des Breitband-Geschäfts hat das Unternehmen schon gemacht: Am Wochenende gewann die Telecom Italia den Bieterkampf um das Internet-Zugangsgeschäft von AOL Deutschland: Der Konzern übernimmt von der Mutter Time Warner die Sparte für 675 Millionen Euro. (dpa/tc)

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