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Netzbetreiber bestimmen Marktstart von Handys

20.03.2008 | 14:45 Uhr |

Zwar ist die japanische Firma Access einer der wichtigsten Entwickler von Handy-Browsern, aber trotzdem hat sie es schwer. Die Netzbetreinber setzen Access-Software nur zögerlich ein, weil sie oft mehr Funktionen hat, als ihnen lieb ist. AreaMobile interviewte Michel Piquemal, Chef für strategische Planung bei Access Europa.

Access ist einer der wichtigsten Hersteller von Browsern fürs Handy. Besonders Sony Ericsson und Samsung setzen mit ihren Massenmarktgeräten auf die Software der japanischen Firma. Oft hat sie aber mehr Funktionen, als den Netzbetreibern lieb ist. Die Mobilfunkanbieter setzen deswegen häufig ältere Versionen auf ihren Vertragshandys ein und blockieren nachträgliche Updates. Das selbe könnte auch bald für die Access Linux Platform (ALP) gelten, die nach zweijähriger Entwicklung jetzt endlich auf dem ersten Handy eingesetzt wird. Das beliebte Betriebssystem der Palm-Computer, Garnet, hat Access wohl umsonst aufgekauft. Zwar können Drittanbieter weiter dafür entwickeln, aber von Access kommt nichts mehr. AreaMobile sprach deswegen mit Michel Piquemal, Chef für strategische Planung bei Access Europa.

Der Access NetFront Browser ist in Deutschland auf zahlreichen Handys von Sony Ericsson und Samsung vorinstalliert. Welche Neuerungen darf der Nutzer in zukünftigen Versionen erwarten?

Obwohl es in letzter Zeit vor allem Neuigkeiten über die Access Linux Platform (ALP) gab, bleibt der Browser eines unserer Kerngeschäfte und er wird kontinuierlich um neue Fähigkeiten erweitert. Erst im Februar haben wir den NetFront Browser v3.5 für Windows Mobile heraus gebracht, der Ajax und Browser Widgets unterstützt. Damit kommt Web 2.0 aufs Mobiltelefon.

Gerätehersteller, Netzbetreiber oder Endkunden können damit das Aussehen und viele Funktionen ihrer Handys an die eigenen Wünschen anpassen, soweit die Bildschirmgröße und die Prozessorgeschwindigkeit es erlauben. Allerdings hängt es von der Zeitplanung der Netzbetreiber ab, wann die ersten Geräte mit dem neuen Browser auf den Markt kommen. Wer ein Handy ohne Branding hat, kann ihn einfach von unserer Website herunter laden und installieren.

Wann kann man endlich die Access Linux Platform im Einsatz sehen?

Sie ist immer noch sehr neu, wir arbeiten seit ungefähr einem Jahr mit den Netzbetreibern daran. Im Sommer wird Orange endlich das erste Endgerät von Samsung mit der Access Linux Platform als Betriebssystem herausbringen. Theoretisch können die Nutzer alle möglichen Programme darauf installieren. Die einzelnen Fähigkeiten hängen allerdings davon ab, welche ALP-Funktionen Orange wirklich nutzen möchte. Wir haben für das neue Gerät bereits wichtige Software-Komponenten für mobiles Fernsehen, Location Based Services und Musik-Downloads entwickelt.

Wie offen ist denn ihre Linux-Plattform? Könnte man beispielsweise den Firefox-Browser auf dem Gerät von Orange nutzen?

Mit der ALP wäre das problemlos möglich. Für das neue Gerät wird es freie und kommerzielle Software geben und wir gehen davon aus, das viele bestehende Linux-Programme dafür portiert werden. Wichtige Grundfunktionen wie Kalender, Adressbuch oder einen Media Player stellt die ALP bereits jetzt zur Verfügung. Aber sie können auch vom Gerätehersteller oder Endkunden durch eigene Programme ersetzt werden. Mit unserer offenen Plattform können die Mobiltelefone den eigenen Wünschen angepasst werden.

Kann denn jeder dafür programmieren? Für das iPhone brauchen Software-Entwickler einen Vertrag mit Apple und müssen 99 Dollar im Jahr bezahlen.

Das ist bei uns ganz einfach. Jeder kann das Software Development Kit (SDK) von der Access-Website herunterladen und damit entwickeln, was er will. Dafür muss niemand einen Vertrag abschließen. Jeder kann Software für die Access Linux Platform entwickeln und über seine eigene Website vermarkten. Zu dem SDK gehören außerdem Beispielprogramme, an denen sich jeder Programmierer orientieren oder sie für seine eigenen Zwecke weiterverwenden kann. Das SDK basiert auf dem GIMP-Toolkit (GTK+), dadurch kann bestehende freie Software einfach weiter genutzt werden.

Die Access Linux Platform wurde aber schon vor zwei Jahren vorgestellt. Warum hört man seitdem kaum davon?

Wir haben große Investitionen getätigt und setzen auf eine langfristige Entwicklung. Das braucht eben seine Zeit. Access hat weltweit 1.500 Angestellte und wir kommen gut voran. Es kann schon sein, dass die breite Öffentlichkeit davon wenig mitbekommen hat, aber auf Fachmessen konnte man die Fortschritte sehen. Ein Problem bei der Entwicklung ist, das jeder Hardware-Hersteller andere Chips verwendet. Unser Betriebssystem wird aber schon seit einem Jahr von ausgewählten Partnern genutzt und im Sommer kommt endlich das erste Gerät heraus. Eigentlich liegen wir ganz genau im Zeitplan, aber ich bin selbst schon ziemlich ungeduldig.

Wohin soll die Plattform sich entwickeln?

Unser Hauptinteresse ist eine offene Plattform, bei der alle Applikationen nahtlos zusammenarbeiten können. Der Browser muss beispielsweise die GPS-Daten verwenden können. Bei der ALP ist das jetzt schon möglich, weil sie komplett multitaskingfähig ist. Verschiedene Software-Prozesse können gleichzeitig laufen und zusammenarbeiten. Man muss also nicht zwischen ihnen wechseln, wie bei anderen Systemen. So kann das Handy gleichzeitig Informationen aus dem Internet herunterladen und dabei Musik spielen. Aber man muss natürlich immer beachten, dass der Bildschirm ziemlich klein ist und immer nur die wichtigsten Informationen anzeigen kann. Die spannende Frage für uns ist, wie man den großen PC-Bildschirm mit seinen vielen Fenstern ersetzen kann.

Warum sind sie dann der LiMo Foundation beigetreten? Die entwickelt doch eine eigene Linux-Variante fürs Handy.

Access ist nicht nur in verschiedenen LiMo-Arbeitsgruppen vertreten, sondern bestimmt auch als Board Member über die Entwicklung der Organisation mit. Das SDK für die nativen Anwendungen stammt zu einem großen Teil von uns. Wir liefern die Technologie und bringen die Entwickler-Community zusammen.

Bisher sieht die LiMo-Plattform ja ziemlich geschlossen aus. Als ob die Hersteller damit nur billige Geräte produzieren wollen, auf denen die Nutzer aber nichts installieren können. Oder haben wir da den falschen Eindruck bekommen?

Die Organisation ist gerade mal ein Jahr alt und ihr Ziel ist, viele verschiedene Geräte auf einer einheitlichen Grundlage zu entwickeln. Natürlich wollen viele Hersteller dadurch auch ihre Kosten senken. Aber die Plattform ist offen für Innovationen, die auch von außerhalb der LiMo kommen können. Wir bauen dafür gerade das notwendige Ökosystem und eine Community von unabhängigen Entwicklern auf. Als Ergebnis wird es bald die ersten Endgeräte geben. Die Software-Plattform der LiMo ist auf jeden Fall offen für Software von Drittanbietern.

Wie arbeiten denn diese vielen verschiedenen Linux-Systeme zusammen, welche die LiMo jetzt vereint?

Zur Software-Plattform der LiMo leisten viele verschiedene Firmen ihren Beitrag, indem sie Software dafür programmieren. Jedes LiMo-Mitglied kann diese Programme auf seinen Geräten verwenden und erhält auch den Quellcode. Durch das frei verfügbare SDK kann jetzt jeder Programmierer seine eigenen Anwendungen entwickeln.

Und was wird aus Garnet, dem beliebten Betriebssystem der Palm-Computer?

Garnet befindet sich in einem Pflegemodus. Wir haben extra eine virtuelle Maschine in die ALP eingebaut, mit der man fast jede Palm-Software verwenden kann. Dadurch laufen mehr als 20.000 Programme auf den neuen Geräten. Das ist ein Riesenmehrwert für Garnet-Fans. Für uns ist jedoch in erster Linie wichtig, viele Anwender auf die Access Linux Platform zu migrieren. Die Zukunft wird zeigen, wohin die Entwicklung geht.

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